Prolog

 

"Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll,
Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll,
So müßt ihr's so genau nicht nehmen."

Thomas Mann, »Zauberberg«

Sag mal, mein Freund, glaubst du eigentlich an Märchen? Ja, ich meine diese Dinge mit Zauberern, Hexen, Feen und all dem anderen Zeug, was da so herum schwirrt. Nein, nicht so recht, was? Hmm. Ich verstehe. Ich kann es dir nicht verdenken. Vor Kurzem ging es mir genauso. Ja, es ist gar nicht so lange her, da sah ich nur diese eine Welt: rationell, geordnet, durchdacht, berechnet, erforscht. Alles hatte seinen Platz, selbst das Chaos und der Zufall gehörten da hinein; man nannte sie stolz Spontaneität, und irrte gewaltig. Noch vor kurzem hätte ich alles hergegeben und wäre die waghalsigsten Wetten eingegangen, wenn es darum ginge, daß es unmöglich sei eine andere Welt zu finden, als diese, welche mich umgab. Am aller meisten hätte ich mich jedoch davor gehütet, an eine Zauberwelt zu glauben. Hast du dich jemals gefragt, wieso eigentlich? Ist es die Angst, man könnte dich in einen Topf mit den Pseudoesoterikern werfen, welche ihren Seelenheil in den Gefilden ihrer Dummheit zu finden hoffen, und blind alles verleugnen würden, was nur irdisch und plausibel? Oder ist es der sichere Halt, welchen eine stabile, geordnete Weltsicht bietet, so richtig, mit beiden Beinen auf der Erde, weißt du?

Das Gefühl kennst du doch. Es müßte doch auch dir lächerlich erscheinen, wenn all dies hier nicht auf einem festen Fundament stehen würde, wenn es da noch etwas gäbe, was schlicht anders ist, anderen Gesetzen unterliegt und sich unserer Vorstellungskraft entzieht. "Gib's doch nicht", wirst du sagen. Du wirst sagen: "Schau dich doch um: erstklassige Straßen auf deren ununterbrochen erstklassige Autos fahren, erstklassige Häuser in denen erstklassige Menschen leben, erstklassige Supermärkte voll mit erstklassiger Ware, verpackt in erstklassige Verpackungen, produziert von erstklassigen Produzenten, geliefert von erstklassigen Zulieferern und gefressen von erstklassigen Kunden". Ist das nicht schön? All diese Einkaufspassagen, expandierende Firmen, globale Märkte, superintelligente   Fernsehmoderatoren, witzige Showmaster, knackige Modells mit perlweißen Zähnen, über welchen das Rot der Saison wacht und deren Wimpern der immerblauen Augen der neuste Mascara bedeckt? Alles ist doch so fest in uns verankert. Wir kennen es nicht anders, als uns diese Welt tagtäglich vor die Nase zu schmieren. Dann sind wir in unseren Element, dann sind wir in uns bestätigt, denn das Fernsehprogramm ist frisch und aktuell, die Straßen bunt und die Geschäfte voll. Wenn uns da noch etwas aus der Fassung bringt, dann ist es höchsten der Preisanstieg der Spritkosten oder die Erhöhung der Diäten unserer Abgeordneten. Und da kommt plötzlich so ein Tropf und quasselt was von Märchen! Da investiert man sein hart verdientes Geld in das brandneue Investmentfond der Deutschen Bank und da kommt so einer hergelaufen und behauptet, da und dort gibt es so ein Land, aber es ist kein richtiges Land, d.h. eigentlich schon und doch nicht, und wenn das und jenes dann passiert, dann gibt es auch die Deutsche Bank nicht, und da kommst du mit deinem MX-5 auch nicht hin und Investmentfonds gibt es dort schon gar nicht. Da kann doch einen der pure Wahnsinn packen. Oder nicht? Ja, ich gebe dir recht. Es ist ja auch nicht so einfach.

Und trotzdem ist es so: da gibt es tatsächlich noch etwas. Ob du es glaubst oder nicht, ob du es für ein Hirngespinst hältst oder nicht – ich kann nichts dafür; es ist passiert und basta. Überzeuge dich doch selbst.

Mein Freund, ich will dich beileibe nicht zum Narren halten und wenn ich letztendlich doch beschlossen habe meine Geschichte aufzuschreiben und dir den Weg meiner Reise zu offenbaren, so tue ich es nur deshalb, weil ich weiß, daß das Land, welches ich entdeckte, nicht nur das Land meiner Sehnsucht ist, sondern ein Land der Träume vieler Menschen und der Weg dorthin bisher nur von Wenigen beschritten worden ist. Auch in deinem Herzen brennt das kleine Licht, der Traum, welcher immer noch seiner Erfüllung entgegenfiebert und welchen wir in jahrelanger Übung so glänzend zu verstecken gelernt haben. Sein leichter Schein erhellt einen schmalen Pfad. Ich werde ihn für dich beschreiben. Ja. Warum...?

Ich kenne dein Herz. Etwas kenne ich es. Nicht viel. Und ich weiß um den Schmerz, der manchmal dort ein Feuer der Sehnsucht entfacht, das nur mit einem einzigen Gefühl zu stillen ist. Du kennst das Gefühl und ich kenne es auch: es ist die Liebe. Und so wie ich dir die Frage nach den Märchen gestellt habe, so stelle ich dir jetzt die Frage nach der Liebe: glaubst du, die Liebe sei von dieser Welt? Glaubst du wirklich, man könne sie auf den Weltmärkten handeln und in einem Investmentfond der Deutschen Bank anlegen? Glaubst du wirklich, du findest sie in den sauberen Einkaufszentren, erstklassigen Anzügen oder in einem Geldautomaten? Sei jetzt mal kurz ausnahmsweise nicht zynisch. Jetzt, im Augenblick kommt dein Sarkasmus mal nicht an. Du kannst mich nicht täuschen. Denke nach. Gehe in dich, schaue kurz zurück... siehst du: sie ist nicht von dieser Welt. Und wenn so ist, so gibt es doch eine andere. (Quod demonstrandum erat.)

Ich will mich nicht aufspielen. Den Weg in die Welt der Zauber und all dieser Wunder, deren ich begegnete, fand ich rein zufällig. Mehr noch: als ich ihn fand, erkannte ich ihn nicht. Ich ignorierte alles, was mir irrational und unlogisch erschien, und wahrlich, es begegnete mich eine Menge davon. Ich glaubte einfach an meinen Verstand. Das kannst du mir nicht verdenken. Der Gedanke, ich könnte diesen mal eben kurz verlieren kam mir erst gar nicht in den Kopf. Du weißt doch selbst, wie berechnend und kühl ich in den letzten Jahren geworden bin. Gab es da überhaupt etwas, an das ich wirklich geglaubt habe? Ich meine etwas großes, etwas erhabenes? Laß mich mal nachdenken... Liebe? Nein, die hat ihren Platz in meinem Leben endgültig verloren. Glaubte ich. Familie? Also, ich bitte dich! Kennst du nur eine glückliche Familie in deiner Umgebung? Siehst du. Kannte ich auch nicht. Vielleicht Freundschaft? Hast du viele Freunde? Ich meine keine Bekannte, keine Smal-Talk-Schaumschläger und Labberaffen, ich meine Freunde. Ja? Sicher? Vielleicht. Es kostet einfach viel Anstrengung darüber nachzudenken. Wir wissen doch beide woran wir am meisten zu glauben haben: an uns selbst. Traurig aber überlebenswichtig. Und wenn du an Gott glaubst, dann kannst du dich glücklich schätzen.

Und nun dies. Plötzlich hat sich alles gewandelt und nichts ist so wie früher. Es ist als wäre ich aus einem Traum erwacht. Nein, es ist umgekehrt: es ist als wäre ich in einen hineingefallen. Oder doch nicht? Manchmal, obwohl ich das Zauberland schon längst verlassen habe, zweifle ich die Gesetze der rationalen Welt immer noch an. Einfach so. Aus Spaß an der Freude. Schon allein das Bewußtsein, daß sie nicht gelten müssen, reicht aus, um sie zu hinterfragen. Es sind einfache Dinge. Beispielsweise: ist eine Straße eine Straße? Ja und nein: eine Straße muß keine Straße sein, auch wenn sie eine ist. Klingt verrückt. Habe Nachsicht mit mir. Ich werde dir alles erklären. Zur Verteidigung meines Verstandes, dessen ich keinesfalls verlustig geworden, will ich dich nur noch auf die Gertrud Stein erinnern. Eine wunderbare Frau, nicht wahr? Sie hatte es erkannt (ob sie wohl auch in der Tatra war?) und sagte mit voller Überzeugung, daß eine Rose nur dann eine Rose ist, wenn sie eine Rose ist. So viele Menschen haben sich den Kopf darüber zerbrochen, was das wohl bedeuten sollte und dabei ist die Antwort doch so einfach. Wenn man es einmal begriffen hat, ist es sonnenklar. Glaube mir. Es ist so. Ich werde es dir beweisen. Warte nur ab.

Bevor ich jedoch mit meiner Geschichte fortfahre, muß ich dich auf einige Sachen aufmerksam machen, deren du dich jetzt zwar noch nicht bewußt bist, welche aber mit voller Kraft auf dich niederprasseln werden, sobald du den magischen Pfad meiner Reise zu beschreiten beginnst. Wie du siehst, setze ich es schon voraus, daß du es tun wirst, obwohl ich es dir ans Herz legen würde, dir es gut zu überlegen, ob du zum Protagonisten dieser Geschichte, oder doch lieber zu einem stillen "Voyeur" der hier niedergeschriebenen Ereignisse werden willst.

Erstens mußt du wissen, daß alles was du von mir erfährst der höchsten Geheimhaltung unterliegt und du wirst über das hier gelesene sofort einen Mantel des Schweigens legen müssen. Das muß sein, und du wirst schon bald erkennen, warum es so sein muß.

Zweitens muß du dir vollkommen im klaren sein, daß du den Eingang in das verzauberte Land – und aller spätestens den Eingang zum Weißen Tal nur mit einem reinen Herzen, ohne Waffen und ohne tückischen Hintergedanken betreten kannst. Solltest du unreine Absichten im Schilde führen, so wird dir der Eingang verwehrt bleiben oder – ich schlimmsten Falle – die Mächte der Verwünschung werden dich vernichten! Denn ihre Macht ist groß und ihr Handeln gnadenlos, denn immer dort, wo sich das Gute im vollem Glanze offenbart, ist das Böse nicht weit.

Drittens mußt du dich mit dem Gedanken anfreunden, daß dein Leben auf jeden Fall eine Wendung nehmen könnte, welche niemand im Augenblick vorauszusehen vermag. Mit anderen Worten: du wirst nicht als derjenige zurückkommen, als der du fortgegangen bist, und du wirst bei deiner Ankunft nicht die Welt vorfinden, welche du verlassen hast.

Viertens wirst du dein weiteres Leben einer unbeschreiblichen Macht der Gefühle aussetzen. Ich schreibe dies, weil es nicht jedermann Sache ist zu lieben und zu hassen, zu lachen und zu weinen, zu glauben und zu hinterfragen. Es ist nicht einfach. Wir sind es schon langsam gewohnt, das Leben aus der zweiten Hand zu empfangen: nicht immer sind wir unser eigenes Medium. Solltest du also bei dir im Garten ein Häuflein Sand liegen haben, so weißt du wo du deinen Kopf stecken kannst, aber lese bitte nicht weiter.

Fünftens muß dir klar sein, daß du ein Hochgebirge betrittst. Bereite dich gut vor! Unterschätze das Gebirge nicht, respektiere es: es ist stärker als du. Passe deine Kleidung dem Wetter an und arbeite an deiner Kondition – du wirst sie brauchen. Wandere mit Vorsicht. Habe Achtung vor der Natur. Überschätze deine Möglichkeiten nicht und lasse dich nicht zum Leichtsinn verführen. Denke daran: wenn es hier hart auf hart kommt, wirst du immer unterlegen. Komme daher gar nicht erst auf den Gedanken, einen Berg zu besiegen, denn du wirst ihn nur besteigen können, wenn er es zuläßt. Aber andererseits kapsle dich nicht ab. Suche den Kontakt zum Gebirge, zur Natur und zu allen Wesen, welche dir in den Tagen der Wanderung begegnen. Begegne ihnen mit einer dir eigenen Würde und Lebensfreude, welche ebenfalls nur dir eigen ist. Und das wichtigste ist: lerne das Gebirge zu lieben. Nur wenn du die Berge in dein Herz geschlossen hast, werden sich die Tore zu den einzelnen Tälern und zu den einzelnen Kapiteln dieser Geschichte für dich öffnen. Erst dann wirst du den Wahrheitsgehalt dieser Erzählung zu schätzen aber auch zu fürchten lernen.

Nun hoffe ich, du bist bereit. Denke noch mal nach, was du tust. Dein erster Schritt auf den felsigen Boden des Tatra-Gebirges wird ein Schritt in ein neues Leben werden. Es hängt von dir ab, ob du eines Tages Glück oder Verzweiflung ernten wirst.

Jetzt aber, gestatte mir mit meiner Geschichte zu beginnen, und diese fängt – wie es sich für jedes Märchen ziemt - mit den Worten: ...