9 Ein Narr, der den Willen über alles setzt, Im Tal der Wünsche finden diese ihre Erfüllung ohne dein Zutun. Die
Kletterei wird ihre Spuren hinterlassen haben, und diese wirst du an deinem ganzen Körper zu spüren bekommen. Trotzdem kannst du davon ausgehen, daß die Erschöpfung im Augenblick deiner Ankunft in der Hütte von einem starken Gefühl
von Freude und sogar Stolz begleitet wird, welche den Schmerz der Muskel schlicht überschatten werden. Aber glaube nur nicht, daß du der einzige sein wirst, dem diese Qual zu eigen sein wird dieser Tage. Nein, da unterschätzt du
die Komplexität der Zusammenhänge, welche von nun an mit deiner Person - und eben nicht nur mit deiner - verbunden sein werden. Noch am gleichen Abend wirst du die Gesellschaft deiner Bekannten suchen, - oder sie die
deinige, denn die Gesetze des "aktio et reaktio" haben von nun an keine Bedeutung mehr - und so wird es sich ergeben, daß auch an diesem Abend du gemeinsam mit dem blonden Mann, von kräftiger Statur, welcher in ein
dunkelrotes, kariertes Flanellhemd gekleidet, sowie seiner Begleiterin und einem anderem Wanderer, welchen diese unterwegs getroffen, verbringen wirst. Auch dieses Abendmahl, das zu einer ausgedehnten Plauderweile sich ausstrecken,
von einer großen Bedeutung für das weitere Geschehen sein wird. Denn nun, nachdem ihr eure Eindrücke des Tages ausgetauscht und über das weitere Fortkommen diskutiert haben werdet, erfährst du entscheidendes darüber, daß es sich
bei den beiden um kein Pärchen im eigentlichen Sinne handelt (im "eigentlichen" nämlich; du weißt was ich meine), sondern vielmehr um eine zwanglose, wenn nicht gerade von den äußeren Umständen, deren Bedeutung nun
geschwunden, herbeigeschaffene gegenseitige Begleitung auf den Bergtouren handelt, die einzig und allein auf einer alten, teilweise beruflich bedingten Bekanntschaft basiert. Das soll allerdings nicht heißen, daß du darin eine
Gelegenheit wittern solltest, hier und jetzt eine Liebschaft anzufangen, denn solche Gedanken, welche auf keinen innigen Gefühl begründet, hier, in der Abgeschiedenheit der Kraina, gar nicht erst aufkommen, es sei dem, sie
entspringen deinen Wünschen, und diese werden viel leiser und dezenter in dir wach. Viel wichtiger wird die Tatsache sein, daß die schöne, blonde Begleiterin, - sogar deren eigentlicher Name dir noch vorenthalten werden soll -
ebenfalls von den Strapazen des Tages erschöpft, sich nach einer Erholung sehnen wird. Denn dies wird in dir den Wunsch frei werden lassen, einen schönen, erholsamen Tag zu verbringen, und das Wörtchen "gemeinsam" wird
hier noch den Träumen vorbehalten, welche hier noch nicht am Platze. Frage mich bitte nicht, in welche wundersame Weise, sich solche Wünsche zu artikulieren pflegen, denn ihr Erwachen ist von solch einer Zartheit und Vielfalt, daß
es mit einfachen Worten nicht zu fassen ist. Es sind oft schlichte Gedankenblitze, welche nicht zu greifen, geschwind durch die weiten Windungen des Gehirns vorbeihuschen, hier und dort den Reiz einer Gefühlsregung hinterlassend,
sich in den Abgründen des Herzens stürzen, und einem Sandkorn einer Perlmuschel gleich, reifen sie dort zu richtigen Wünschen heran. Wünsche werden wahr.
Wenn du am morgen danach deine Augen aufmachst, wird dein erster Blick zuerst das helle Licht eines neuen Tages erblicken, undeutlich weiß, dann siehst du die Konturen des Fensters, seinen Rahmen und nur einen kurzen Augenblick später den sonnenverwöhnten Gipfel des Kasprowy und über diesen einen in seiner Unendlichkeit sich ausbreitenden blauen Himmel. Es wird einer dieser Momente sein, in denen sich die
Tore der Zeit
hinter dir schließen und du nur in diesem banalen, an sich doch unendlich kurzem Jetzt verweilen wirst. Pläne zu schmieden? Touren zu planen? Wozu? Hier und jetzt ist schon ein Plan, ist schon eine Tour, egal wo du dich von nun an bewegst, bist du immer im Hier und im Jetzt. Es werden deine Beine sein, welche dich auf bestimmten Wegen tragen werden, deren Verlauf und Ziel weit höheren Mächten bekannt seien, als deinem glücklichen Herzen es gerade nur einfallen könnte. Denn dein Handeln kennt keinen Hintergedanken, außer diesen welche in der
Welt deiner Wünsche
wach wird. Du wünscht dir, die Frau von Vorabend beim Frühstück zu begegnen und in den rohen Lapislazuli ihrer Augen zu blicken? Kein Problem. Sobald dein Wunsch in dir wach wird, so bald wirst du in die Richtung seiner Erfüllung - "
wie verzaubert" - entgegenschreiten. Ihr werdet eure Eindrücke über die Anmut des Morgens austauschen, und den Gedanken zur allen Möglichkeiten der Gestaltung des Tages freien Lauf lassen. Was denn auch sonst? Das
unbestimmte Gefühl wird sich schon in euren Herzen doch eingenistet haben, welches da lautet: "Es wird kommen, was zu kommen hat."
Wo verläuft die Grenze zwischen dem Wunsch und dem Traum? Ich werde es dir sagen: die Grenze verläuft genau am Grat des Adlers und passieren wirst du sie durch das Tor der Winde. |
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die ersten Wolken durch das Tor der Winde jagt? Kannst du seine Kraft und Macht erahnen, seine endlose Energie erspüren? Und rechts... der Felsen des Koscielec. Hat sie
nicht gesagt, es sei ihr Lieblingsberg, da er so abgeschieden und einsam, mitten im Tal, mitten im Zauber zu krönen verdammt ist? Wollte sie nicht da drauf? Heute? Vielleicht schon jetzt? Strenge deine Augen an! Der Klettersteig ist doch von hier aus sichtbar! Siehst du sie? Nein? Bist du dir sicher?
Die Kraftprobe der Winde besteht darin, daß die Auserwählten - sie und er, zuerst er dann sie - auf das Passieren des Tores der Winde nacheinander und getrennt vorbereitet werden. Dies Geschieht auf dem Berg der
Sehnsucht, welcher inmitten des Tals der Wünsche über der Einhaltung der ewigen Gesetze der Kraina zu wachen bestimmt ist und dessen Gipfel alle Auserwählten, deren immer nur zwei seien, ihre Ehrerbietung zu zollen verpflichtet
sind. Denn nur, wer die Kraftprobe des Windes zu bestehen vermag, kann eines leichten Fußes und ruhigen Gewissen, unbeschwert und in der Zweisamkeit vereint das Tor, welches vom Halny, dem Herren der Stürme und dem Gebieter der
Winde, bewacht, betreten. |
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Der Weg zum Paß am Karb ist dir ja schon bekannt, da du diesen - wenn du meinen Anweisungen treu Folge geleistet hast - bereits begangen und erkundet hast, als du deine erste Schritte im Tal
machtest. Damals bist du am Paß talwärts gegangen. Jetzt gilt es dem Klettersteig zum Koscielec zu folgen. Ja, du hast richtig gehört: Klettersteig. Koscielec ist kein leichter Berg, seine Besteigung stellt recht hohe Anforderungen an seine Besucher. Aber vergiß nicht, daß du jetzt kein Novize mehr bist und dir weit schwierigere Strecken zutrauen kannst. Vorsicht ist trotzdem geboten, zumal du jetzt mit jedem Höhenmeter mit einem zunehmenden Seitenwind zu kämpfen haben wirst. Die Person, welche du dort oben zu begegnen hofftest und es nicht zu wünschen wagtest, wirst du da nicht treffen. So ist es auch richtig. Keine Stunde später wird auch sie dort erscheinen und mit dem starken Orkanwind konfrontiert werden. Leider kann ich dir hier, an dieser Stelle, noch nichts über ihren Noviziat und ihrem Weg zur
Kraina
berichten, da ich wenig darüber in Erfahrung bringen konnte. Allgemein ist mir ihr Wesen wenig bekannt, aber dieses Rätsel wird uns noch öfters beschäftigen, viel öfters, als man es jetzt noch absehen kann. Ich kann nur meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, daß die
Kraftprobe des Windes von euch beiden mit Bravour bestanden wird und daß eure Sehnsucht nach dem weiterem Weg zum Weißen Tal
vom demselben nicht zerstreut wird. Ich persönlich hatte das Glück, oder den Schicksal, oder den Zufall oder den Zauber, oder Nenne-es-wie-du-willst, an meiner Seite und so fieberte ich dem Augenblick entgegen, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und noch am denselben Abend den Namen dieser Person zu erfahren, welche meine Gedanken so den Tag über zu binden vermochte. Wahrscheinlich wird es dich nicht überraschen, zu erfahren, daß auch dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird, doch wird er in eine Ereigniskette eingebettet sein, welche - obgleich notwendig - wenig mit deinem Gemüt in Einklang zu bringen sein wird.
Die Schaukel ist eine der schwierigsten Prüfungen, welche einem der Auserwählten aufgebürdet werden muß, will dieser daraufhin den Namen des "Liebenden" verliehen bekommen. Diese Verläuft dergestalt, daß
eine wechselnde Abfolge von Stimmungen das Gemüt des Auserwählten überkommen wird, welcher diese wiederum mit einer wechselnden Abfolge von Stimmungen durchzustehen haben wird. Derjenige wird zudem einer immer anwachsenden
Schwingung unterzogen, welche von einer leichten Aufgeregtheit, über einen ansteigenden Zorn und dann weiter über das Aufflammen der Eifersucht bis hin zu der völligen Verzweiflung getrieben wird und welche einzig und allein von
seinem jeweiligen Widerpart aufgefangen werden darf; als wären das die leichte Beruhigung, die ansteigende Gleichmut, das Aufflamen des Edelmutes und das völlige Vertrauen, welches auch das Ziel dieser Probe sei. Waren die
bisherigen Proben den Wechselwirkungen der Kraina und des Auserwählten vorbehalten, so ist die Schaukel die Probe der Auserwählen untereinander. |
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diesem Zeitpunkt schon abgereist sein, da seine Rolle in der Kraina schon zu Ende sei. Nun wirst du in Erwartung seiner ehemaligen Begleiterin einen ruhigen, abgeschiedenen Platz suchen, doch solchen nicht fündig werden. Ganz im Gegenteil, sobald du ein angemessenes Plätzchen dein eigen nennen wirst, schon bekommst du Gesellschaft von zwei sportlichen Alpinisten. Es wird dir nicht entgehen, daß die beiden, obwohl geübt im Wort und Stil, so ziemlich alles besteigen, was nur annähernd die Form eines Berges besitzt, ohne Rücksicht auf deren innere Form und äußere Konsistenz. So wirst du, so leid es mir tut, durch ihr Wirken den Namen deiner Auserwählten erfahren, dessen grammatikalische Abwandlung durch die gängigen, in der hiesigen Sprache vorkommenden Koseformen sogleich kennenlernen, sowie dessen Rolle in der in ihrer Welt vorherrschenden niederen Volksliteratur (welche zweifelsohne nicht ohne Reiz, jedoch im Augenblick etwas nicht im deinem Sinne sein sollte) ermitteln. Ich glaube, dir nicht beschreiben zu müssen, von welchen Gefühle dein Herz gepeinigt sein wird in diesem ach so schwierigen Augenblicken der wachsenden Ernüchterung (welche keine sein wird) und Verzweiflung (welche bald verflogen sein wird). Aber, mein Lieber, "ohne Mühe und Fleiß keine Freude und kein Preis". Auch hier wirst du merken, wie sehr du dich gewandelt hast und mit welchen ritterlichen Edelmut du diese Situation zu meistern verstehst, indem du ein angeregtes Gespräch über die Kletterbedingungen im Kaukasus zu führen oder die Lage der modernen Soziologie angesichts der Theorie der "Emotionalen Intelligenz" als einer der zentralen Fragestellungen der postmodernen Gesellschaft zu erörtern weißt. Nichtsdestotrotz - da brauchen wir uns nichts vorzumachen - wirst auch du angesichts dieses Affentheaters ziemlich genervt, aber nichts anmerkend höflich, dich der Gesellschaft empfehlen und die Einsamkeit deines Nachtlagers suchen, wo du einer mehr oder weniger schlaflosen Nacht entgegenträumen wirst, welche nur von einem Gedanken befangen sein wird. Dieser - wie könnte es anders sein - deinem Wunsch nach einer gemeinsamen Wanderung entsprungen, nur ein Ziel haben wird: morgen gemeinsam mit deiner Auserwählten das Tal der Träume zu erreichen, das Tal, welches vor Jahrhunderten den Namen des Weißen Tals von einem vergessenen und unbekannten Dichter verliehen bekam. |
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