8

Im Reich der Wolken, wo Fels regiert,
wo des Adlers Schwingen weit gespannt
ihn tragen über der Berge hohes Land,
wird niemand merken, was passiert.

Denn wer mit Felsen sich vereint,
Wer mit dem Berg vertauscht das Sein,
Der bleibt nun diesem fest verbunden
Und selbst sein Antlitz wird aus Stein.

Die Begriffe von Zeit und Raum, was bedeuten sie in dieser zeitlos schönen, unendlich offenen Landschaft? Minute, Stunde, Tag, Jahr... alles ist relativ und nur die Erfüllung dieser Worte mit Leben ergibt einen Sinn, wobei Leben, das ist nicht immer Inhalt, nicht immer Arbeit, nicht immer Bewußtsein. Oft ist es einfach die Tatsache, hier und jetzt da zu sein. Hier heißt einfach, an dem Ort, der uns aufnimmt; voll und ganz, unsere Gedanken und Gefühle bindend. Hier ist immer mit dem Jetzt verbunden, denn es findet immer in einem bestimmten Augenblick statt, und dieser muß überhaupt nicht von apokalyptischem noch euphorischem Gedanken bestimmt sein, ganz im Gegenteil, oft ist es einfach der Augenblick, seine Natürlichkeit, seine simple Existenz und sonst gar nichts. Und das reicht aus. Wenn ich also von der Zeit rede, so kann ich eigentlich nur diese eine, unbestimmt relative meinen, deren einzige absolute Komponente von dem Rhythmus des Tages und der Nacht sowie dem Wechsel der Jahreszeiten bestimmt ist, und die Erfindung einer Uhr in dieser Welt an Überflüssigkeit kaum zu überbieten ist. Dabei existiert keine Tages- und Nachtzeit für sich allein; vielmehr sind alle ihrer Ausprägungen und Varianten eng miteinander verwoben, fließen ineinander über, wechseln sich ab, geschmeidig und ruhig in ihrer Abfolge. Und da auch der Begriff des Tempos relativ und von der Wahrnehmung der Zeit bestimmt ist, so spielt die Schnelligkeit dieser Wechsel ebenfalls keine Rolle mehr. Mag dieses Gefühl für viele verwirrend sein, so ist die einzige Maßeinheit der Zeit in der Welt des Zaubers, in der Kraina, einfach der Augenblick und erst unmittelbar aus diesem entsteht die Ewigkeit.

Obgleich jeder Augenblick in seiner Unverwechselbarkeit und Einmaligkeit seines Einklangs mit der Umgebung schlicht schön ist, so gibt es einige davon, welche wahrlich zu den angenehmsten gehören. Einer davon ist der Augenblick des Aufbruchs. Diese Zeit genieße ich sehr. Viele andere Augenblicke gehen ihr voran: der Augenblick des Erwachens mit seinem Blick zum Fenster und der damit verbundenen Freude auf den neuen Tag, die Erwartung des Wetters, die Zeit der Erfrischung im Bad und der Stärkung an einem großen Frühstückstisch im Speisesaal. Alle diese Momente wärmen immer noch mein Herz, sobald ich nur an sie denke. Die Atmosphäre zur so

frühen Stunde in einer Berghütte schätze ich mir sehr, vielleicht weil man da tatsächlich nur gleichgesinnte trifft, und ich werde das Gefühl nicht los, daß so manch einer von denen, welche zu so frühen Stunde ihren heißen Tee in der Thermoskanne aufbrüht, sich

selbst gerade auf seinem persönlichen Weg in sein persönliches Zauberland befindet, oder gar nach seinem wie immer auch gearteten Weißen Tal sucht, oder es mindestens wiederzufinden hofft. Viele werden es nicht sein, denn es sind tatsächlich nur wenige, die diese spezielle Aura umgibt und obwohl die meisten von uns doch einsame Wanderer sind und unsere Wege selten auf dem gleichen Pfad führen, so ist die Zeit des Frühstücks und des Aufbruchs genau diesem Menschenschlag vorbehalten. Denn während andere ihren Rausch ausschlafen oder der kuschligen Wärme ihres Schlafsacks frönen, sammelt unsereiner seine Gedanken und seine Leidenschaft zusammen, welche meist - aber doch nicht immer - den Bergen gilt. Ja, diese Augenblicke vereinen vieles an Eindrücken: Freude, Glück genauso wie Trauer und Sorge, denn von denen, die am Morgen die Höhen über den Wolken zu erklimmen trachten, kehrt manch einer nicht mehr zurück. Dann sagen wir uns: "Der hat sicherlich sein Weißes Tal erreicht, der Glückspilz!" Aber wir wissen es nicht, wir wünschen es ihm.

Als ich die Schwelle des Murowaniec übertrat und in die morgendliche Kühle des frischen Tages hinausging, genoß ich diesen Augenblick sehr. Es war so als hätte ich den nächtlichen Frost bei einer Liebschaft mit der Morgenluft ertappt, als müßte ich lächeln und meinen Blick auf das Ziel meiner heutigen Wanderung richten, um die beiden nicht in Verlegenheit zu bringen. Doch dort, wo

ich den Klettersteig des heutigen Weges zu erspähen hoffte, war nichts zu sehen außer Wolken. Wie vorbestimmt, war mir der Blick auf den Grat des Adlers verwehrt, denn obwohl im Tal ein leichter Wind für Klarheit der Luft sorgte und weit in den Höhen ein Orkan zu toben schien, so schwebten in aller Ruhe zwischen diesen zwei Wetterlagen schwere, weißgraue Wolken, als wollten sie einen mit etwas überraschen, als umhüllten sie ein großes Geheimnis. Ja, es kam mir vor als betrete ich einen Raum, der vom nächsten mit einem Vorhang abgetrennt sei, und hinter diesem mich das Eigentliche erwartete, ich wußte nur nicht was. Es war ruhig. Es herrschte eine fast ohrenbetäubende Stille, in der auch der gesamte Raum in sich zusammenfiel. Ich hörte das plätschern eines Baches, als flöße dieser direkt unter meinen Füßen, aber ich sah ihn nicht. Ich hörte immer wieder das mächtige Grölen eines Hirsches und es kam mir vor, als stünde dieser nur weniger Meter hinter mir. Ich drehte mich mehrmals um, versuchte ihn zu erspähen; irgendwo mußte er doch hier sein, aber ich sah ihn nicht.

Langsam gewann ich an Höhe, langsam verließ ich das Tal und tauchte in das undurchdringliche Weiß der Wolken ein. Nach einem mühsamen, steilen Anstieg erreichte ich den im Nebel umhüllten Grat. Welch eine unvergeßliche Stimmung empfing mich hier! Der Fels, welcher sich mir in den Weg stellte offenbarte nur so viel von sich, welches notwendig war, um die nächsten Schritte zu setzen. Ich hatte keine

Handschuhe mit (noch ein Zufall?). Unter meinen Fingern spürte ich den kalten, nassen Felsen. Er war erstaunlich hart und griffig, so als wollte er sagen:

"Halt dich fest, ich bin stark, viel stärker als du. Wenn du mich zu greifen verstehst, werde ich dich nicht fallen lassen."

Ich klammerte mich in seinen Spalten und Rissen fest und merkte, wie recht er hatte. Durch meine Hände fühlte ich seine Größe und seine unendliche Weisheit. Es war kaum mit Worten zu fassen, denn es waren nicht die Worte mit denen er zu mir sprach; es war das Gefühl, welches der Granit einem zu vermitteln vermag, der mit ganzer Kraft seinen Körper an die Form des Berges drückt. Dann ist es so als sagte dieser:

"Siehst du? Es gibt wenig, worauf du dich verlassen kannst, und die Welt welcher du entkommen bist, kennt die Bedeutung von Worten wie Vertrauen oder Verläßlichkeit nicht mehr. Hier spürst du sie in ihrer ganzen, absoluten Tragweite, denn nichts verlangt von dir mehr Vertrauen als dein nächster Schritt und auf nichts mußt du dich mehr verlassen, als auf deinen nächsten Tritt. Ich trage dich."

An den Stellen, wo die Herausforderung der Wand das menschliche Ermessen zu übersteigen, wo der Raum in die Abgründe der Felsschlünde hinabzustürzen schien, wurde der Steig mit schweren Ketten befestigt. Diese waren kalt, rutschig und naß. Meine Hände färbten sich in rostiges Rot, welches die Ketten über die Nacht angesetzt haben. Manchmal zerrte ich mit ganzer Kraft an ihnen, stemmte mit den Beinen gegen den Felsen und hing beinahe waagrecht über den senkrecht fallenden Schluchten. Dann wiederum streckte ich mich an der Wand und versuchte mich ihrer Steilheit, ihrer rauhen Form anzupassen. Ich spürte, wie mein Blut zirkulierte. Meine Hände wurden heiß und brannten in den Momenten der Ruhe. Mein Körper arbeitete auf Hochtouren, so daß ich

weder von der eisigen Kälte noch von der Nässe, welche jetzt meine Kleidung benetzte und deren Tautropfen sich in meinen Haaren niederließen, irgend etwas wahrnahm. Dann kam der Gipfel. Noch eine letzte Anstrengung und ich stand auf der Swnica, dem höchsten Berg, welcher am Eingang zum Grat des Adlers wacht. Der Klettersteig des Schweines, hat zur Aufgabe, die ungeübten Kletterer von den geübten zu trennen. Dies ist sehr wichtig, denn die Nachbarschaft dieses überaus gefährlichen Bergkamms an den Gipfel des Kasprowy, welcher mit einer Seilbahn vom Tal zu erreichen ist, zieht viele Leute an, welche weder in den Gefahren der Berge bewandert noch mit den strengen Gesetzen des freien Klettern vertraut sind. In der Regel kommen sie nur bis zur Klettersteig des Schweines, einige wagen sich noch weiter zum sogenannten Wendesteig am Zawrat. Dort werden sie allerdings mit der Gefahr eines gefährlichen Abstiegs konfrontiert, der für Viele noch problematischer ist, als der Anstieg. Der Wendesteig ist nicht so tolerant wie der Klettersteig des Schweines und so muß jeder Schritt, der zuviel gesetzt worden ist, bei einem eventuellen Rückzug doppelt gerechnet werden, was so viel heißt, daß auch die Kräfte im Falle einer Umkehr doppelt belastet werden. Aber auch er ist noch nachlässig genug, denn er bietet sie noch an: die Möglichkeit einer Umkehr. Der Klettersteig der Ziege bietet diese nicht mehr.

 

Das Antlitz des Felsen von Zawrat ist ein anderes, als das der Swinica. Wenig Zufälliges ist hier zu erwarten, denn vielleicht hast du es schon öfters bemerkt, der Begriff des Zufalls, an dem unsereiner in seiner Ungläubigkeit festzuhalten gewohnt ist, hat hier eine vollkommen andere Bedeutung; eigentlich gibt es ihn nicht, wir tragen ihn als unnötigen Ballast mit uns herum. Die Namen dieser Klettersteige kommen doch nicht von ungefähr. So viel mußt du doch den Märchen und Sagen doch lassen! Es ist doch klar, daß man am Klettersteig des Schweines mit nassen Felsen, rutschigen Wänden und dergleichen konfrontiert wird. Am Wendesteig ist das völlig anders. Dieser, obwohl tiefer gelegen als sein Vorgänger besitzt eine herausragende Stellung am Bergkamm: er ist steiler, tiefer abfallend und dunkler. Seine offene, schwarze Wand fällt

hunderte von Metern senkrecht ins Tal hinab, zum Schwarzen See, und als wäre das nicht genug, so ist selbst der See noch 80 Meter tief. So ist es auch die Wand, welche dem See seinen Namen verleiht und der Zawrat, ist der krönende Gipfel darüber. Sobald man ihn betritt, ja sogar schon am Paß darunter, senken sich die Orkanwinde und umhüllen die ganze Felspartie. Auch der Wendesteig trägt seinen Namen nicht nur, weil er die letzte Chance zum Wenden bietet. Vielmehr ist es die Windrichtung, welche ihn diesen Namen gegeben. Denn obwohl der Wind hier mit voller Kraft an einem zerrt, so ist seine Richtung nie vorauszusehen. Manchmal wird er dich einfach gegen die Wand drücken, dann prasselt er mit voller Wucht auf dich hernieder, dann zieht er in einem der Kamine aus den Tiefen herab. Vor allem an den offenen Felsenbänken wird er zu einer lebensbedrohenden Gefahr, denn wo du weder links noch rechts einen Halt vorfinden kannst, bleibt es dir nichts anderes, als diesen unten zu suchen. Dieser Wind zwingt dich einfach in die Knie; auch er wird dir deine Grenzen zeigen, und zwar diejenigen, welche deine wahre Persönlichkeit offenbaren: die Grenzen deiner Vernunft und deiner Ausdauer.

Hier, am Zawrat, hat man noch die letzte Chance umzukehren, aber in der Regel wird man sie nicht mehr wahrnehmen; das Gefühl, hier zu sein ist zu mächtig und kraftvoll, um es der eigenen Schwäche zu opfern. Nein, bist du bis hierher vorgedrungen, so wirst du auch weitergehen und dich der eigentlichen Herausforderung des Grads stellen: dem Klettersteig der Ziege.

So wie du noch anfangs gelernt hast, dem Felsen zu vertrauen, so wirst du hier lernen an demselben zu zweifeln. Ich habe es dir schon gesagt: hier stützt sich jeder Gedanke, jedes Gefühl auf seinem eigenem Widerpart. Das Ja besteht nicht ohne das Nein, der Tag nicht ohne der Nacht, der Mann nicht ohne das Weib, das Vertrauen nicht ohne den Zweifel. Hier, am Gefrorenem Paß, wurde ich mit dem Felsen

konfrontiert, der mir keinen Halt zu geben schien, aber er ließ mich passieren. Dann mußte ich senkrecht an einer blanken Wand, hoch über einer unendlich tiefen Schlucht hinuntersteigen, aber ich fand den Halt. Der Fels schien mit mir ein böses Spiel zu treiben, forderte alle meine Kräfte, meine ganze Konzentration heraus, aber er ließ mich vorbei. Warum? Ich weiß es nicht. Irgend wann hörte ich einfach auf, nachzudenken. Dann - und jetzt mögen sich alle Philosophen dieser Welt in ihren Grüften mehrmals umdrehen - bin ich kein Mensch gewesen, sondern bin zu einem Teil des Berges geworden. Und es war, als fände ich zu mir selbst, als umspülten die Weltmeere meine Füße und die Wolken kämmten meine Haare. Ich hörte meinen stimmhaften Atem, ich spürte den Felsen, wie seine Masse meinen Körper durchdringt, ich schaute zurück, ich schaute vorwärts und das einzige, was ich für einen kurzen Augenblick sah, war die Ewigkeit.

Als ich den Gipfel der Ziege erreichte, sah ich, daß die Welt sich verändert habe. Anfangs dachte ich nur, daß die Luft, eines ungewöhnlichen Wetterwechsels wegen, ihre Farbe und Konsistenz verändert habe, aber dies war nicht der Fall. Ich schaute auf die Dolina Gasienicowa hinunter und sah - nun zum ersten Mal im vollen Bewußtsein, jedoch ohne zu wissen was es bedeutete - das Tal der Wünsche. Ich wandte mich der anderen Seite zu. Dort, wo ich das Tal der Fünf Seen erwartete, erblickte ich etwas anderes. Äußerlich sah alles aus wie das Tal der Fünf Seen, aber ich wußte, daß es anders war. Ich wußte nicht wie, nicht warum und wozu, aber es war anders; es war einfach etwas anderes. Ich wußte, daß ab jetzt nichts so sein wird, wie es war.