7 Wenn alles im Leben an die Zeit gebunden, Ist es die Leere oder die Freiheit? Das Leben im Tal der Wünsche verläuft nach eigenen Regeln und Gesetzen, deren Werk obgleich nicht im Wort erfaßt, so doch allgegenwärtig, daß weißt du inzwischen, ich habe dich schon oft darauf aufmerksam gemacht. Aber heißt das auch, daß wir dieses Regelwerk überhaupt begreifen und verinnerlichen können und wollen, angesichts der Hürden und Hindernisse, welche unsere Wahrnehmung uns in den Weg zu legen geneigt ist? Nein, nicht ganz; so einfach ist es wiederum nicht. Das beginnt schon bei dem Lokalisieren und der zeitlichen Bestimmung des Ortes, an dem du dich nun befinden wirst. Einerseits wirst du dich tatsächlich in der Gasienicowa Dolina befinden |
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du dir keine Sorgen zu machen, daß die beiden Welten, obgleich sie nebeneinander und gleichzeitig existieren, irgendwie miteinander kollidieren könnten. Dafür sind sie von so unterschiedlicher
Natur und gleichzeitig so eng miteinander verbunden, daß es schon einem Wunder gleicht, wie feingesponnen die Fäden zwischen den Welten verlaufen, wie sehr sich die Erlebnisse von Zeit und Raum ähneln, um gleichzeitig völlig
unvergleichbar und unvereinbar zu sein. Glaube mir, es wird nicht ein Tag vergehen, da wird der Begriff der Zeit keine Rolle mehr spielen und die Zeiteinheit des Tages die einzig wahrnehmbare, obschon außerhalb der im Stundentag
abgeltenden kosmischen Zeit gelegene, sein wird. In Folge dessen wird sie auch für dich keine Bedeutung mehr haben. Auch die örtliche Verbindung wird nur zu einem Muster, das du deiner Wanderkarte entnehmen kannst, wiewohl die
Welt, in der du dich bewegen wirst eine gänzlich andere sein wird. Aber was versuche ich dir hier zu beschreiben? Alles Dinge, welche so natürlich und selbstverständlich sein werden, daß es sich dieser Worte erübrigt. Nicht dein
Wille wird dein Leben von nun an bestimmen, sondern deine Wünsche - ein Unterschied, wie Himmel und Erde, denn glauben wir den Willen nah am Verstand so finden wir die Wünsche oft so fern von diesem. Jetzt wirst du
keine Probleme damit haben, den "Tag", den Augenblick auf dich wirken zu lassen. Inzwischen ist dieses Gefühl ein Teil deiner selbst geworden. Von nun an werden die reinen Gedanken in dir wach - nicht die großen, welche
uns glauben machen wollen, mit deren Kraft wir die ganze Welt verändern können, sondern eher die kleinen, die einfach die Welt um uns herum ein Teil von uns werden lassen - und diese werden dir deinen Weg weisen. Dieser Weg wird
nur für dich bestimmt sein und du für ihn. Du wirst sehen, daß Vieles jetzt einfach da
sein wird, mit und ohne dein Zutun. Der Gedanke, sich gegen etwas währen oder schützen zu müssen kommt gar nicht erst auf, denn diesem wird der Wunsch nach Wandlung zuvorkommen, noch bevor dein Geist und dein Verstand diesen werden fassen können. So wird das Leben zu einer Selbstverständlichkeit und - da in der
Kraina
nichts allein für sich bestehen kann, ohne sich auf seinem eigenen Widerspruch zu stützen - gleichzeitig zu einer kostbaren Gabe, deren Bewußtsein von nun an zu deinem ständigen Begleiter wird. Nichtsdestotrotz beginnt für dich jetzt die Zeit der schwierigsten Proben und Prüfungen. Es werden dein Körper, dein Geist und dein Herz sein, welche auf das Eintreten in das
Weiße Tal
vorbereitet werden; Persönlichkeit, welche du gerade errungen hast, muß erst geformt werden. Dein wahres Wesen muß sich erst offenbaren und entfalten können, deine Passion, welche bisher ein kümmerliches Dasein in den dunklen Schlünden deines Herzens fristete, muß erst ans Tageslicht gefördert werden. Ja, neu mußt du dein Leben erfinden: das Atmen, das Sehen, das Hören, das Denken...
Der Tag deiner Ankunft, wird ein Tag der Stärkung und Erholung sein. Du hast eine schwierige Zeit hinter dir und solltest daher alles in Ordnung bringen, was inzwischen in Unordnung geraten ist. Das ist zwar nicht
viel, aber eine warme Dusche und ein üppiges Mittagsmahl bessern das Selbstbefinden und Stärken nicht nur den Körper sondern erwecken auch den Geist, und dieser sollte nun wirklich frisch und lebendig sein, denn einiges an
Wunderlichen kommt auf ihn zu. Ohnehin kann es passieren, daß dies wundersame Treiben im Tal der Wünsche
dich anfangs verwirrt und etwas desorientiert, aber mache dir nichts daraus, es passiert einfach viel und das meiste davon ist ohnehin überraschend und für einen Neuankömmling meist verwirrend. So solltest du
beispielsweise darauf achten, dein Zeug nicht irgend wo liegen zu lassen. Die Gegenstände, welche du aus deiner Welt hierher gebracht hast, bestehen in ihrer Körperlichkeit nicht immer in dieser Umgebung. Es geschah, daß ich nach
dem Duschen mein Shampoo im Bad für eine kurze Zeit liegen ließ und schon ist es verschwunden! Hat sich einfach in der Luft aufgelöst, woraus ich schließen muß, daß es nicht hierher gehörte, sonst hätte es sich nicht auflösen
können. Hat es aber. Ein ähnliches Schicksal ereilte zugleich meine Seife und selbst meine Unterhose verlor ihre gegenständliche Form (glücklicherweise geschah es während sie auf einem Heizkörper zum Trockenen aufgehängt war;
man stelle sich nur vor, sie verschwände während einer Wanderung!). Aber wie du siehst, sind es Lappalien, und von solchen solltest du dir die Stimmung nicht verderben lassen. Erhole dich einfach, wobei auch dieses
Wort hier eine andere Bedeutung hat, als du vielleicht auf Anhieb annehmen würdest, aber es soll dir kein Kopfzerbrechen bereiten, weil auch der Wunsch, eine leichte Nachmittagswanderung zu absolvieren, wird so natürlich deinem
Inneren entspringen, daß du es als gegeben dankbar hinnehmen wirst. Die Umgebung für solche Aktivitäten ist nun wirklich wie geschaffen: das weitläufige Tal der Gasienicowa bietet zu dieser Jahreszeit sehr viel Möglichkeiten zu
einer kurzen, erholsamen Wanderung - ja, ich möchte schon beinahe das Wort Spaziergang gebrauchen, denn im Vergleich zu dem, was dich noch erwartet, wird es einer werden. Schon allein, um die Orte zu erkunden, an welchen du am
darauffolgenden Tagen geprüft wirst, solltest du nicht davor zurückschrecken, dich einfach durch das Tal treiben zu lassen, von seiner einmaligen Schönheit schon ganz zu schweigen! |
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Paß unterhalb von Koscielec, einem mächtigen Felsen, welcher in deinem Leben noch eine wichtige Rolle spielen wird. Dann bietet sich ein sanfter Abstieg zum Grünen See, weil du von dort aus
einen hervorragenden Blick auf die Felspartie haben wirst, deren Form du dir genausten einprägen solltest (es ist eines der ungeschriebenen Gesetze im Tal, daß sich der Ausblick auf den ersten Seiteneingang von rechts auf
des Adlers Grat, einem Auserwählten, und zu diesen gehörst du jetzt an, nur ein einziges Mal öffnet), da du später keine Gelegenheit mehr dazu haben wirst. In der Hütte zu Murowaniec wirst du dich ohnehin schon
heimisch fühlen und auch die vielen Touristen, die diese Gegend all zu gern aufsuchen, werden dich nicht aus der Fassung bringen können. Obwohl man dich als den Auserwählten nicht erkennen wird - denn nun mal ehrlich, du glaubst
doch nicht, irgend jemand dort wird nur auf den Gedanken kommen, daß es so etwas wie die Kraina
geben könnte; dafür ist das Geheimnis zu gut geschützt - so wird man dir mit Respekt, Achtung und Entgegenkommen begegnen, denn deine Aura wird es von den Menschen so verlangen. Aber auch du wirst deinerseits einige Regeln befolgen müssen, willst du dein Ziel erreichen. Du wirst zwar selbst drauf kommen, was du zu tun haben wirst, aber um dir die Sache etwas zu erleichtern, hier einige Tips: So solltest du noch vor dem Sonnenuntergang dein Schuhe reinigen und imprägnieren, nicht so sehr der Schuhe wegen, sondern dem weiteren Verlauf der Geschehnisse wegen. Wenn du nämlich vor die Hütte hinausgehst, um deine Schuhe zu putzen, wirst du auf ein wundersames Lichterspiel aufmerksam. Das Orange der Untergehenden Sonne wird eine Felspartie hell erleuchten. Merke dir genau, um welche Felsen es sich handelt, denn diese wirst du am darauffolgenden Tag betreten. Wenn es bis dato keine Verschiebungen innerhalb der Welten gegeben hat, sollten die Sonnenstrahlen die Partie zwischen den Gipfeln der Swinica und des Kozi Wierch beleuchten, welche für uns im Zeichen des
Schweines und der Ziege
stehen und von deren Gestalten bewacht werden. Wende nun deinen Blick zu deiner Rechten. Dort wird auf einer Bank ein junger, blonder Mann sitzen, von kräftiger Statur und in ein dunkelrotes, kariertes Flanellhemd gekleidet. Du wirst ihm anfangs nicht erkennen, er dich aber schon, woraus sich schließe, daß die Aura, welche einem Auserwählten eigen zu sein scheint, diesem schon von den
Mönchen an der Chocholowska verliehen wird, oder aller spätestens nach dem Verlassen des Verbotenen Pfades
erscheinen muß. Aber ich kann mich auch täuschen. Du wirst dich nämlich alsbald auch an ihn erinnern, wobei deine Erinnerung schon arg getrübt sein wird, denn schließlich hast du mit dem Passieren des Grenzlandes
auch das eigentliche Zeitgefühl verloren, an das die menschliche Erinnerung nun mal gebunden ist. So wirst du ihn nicht mit seiner Begleiterin in Verbindung bringen (wieso solltest du es tun? Du hieltst sie doch damals für ein Pärchen, wobei es nicht eindeutig klar war ob sie tatsächlich ein Pärchen sind, oder ob... usw.). Diese wirst du erst beim Abendmahl herstellen, wo du dich zu ihm gesellt hast und nun auch sie sich zu euch setzen wird. Jetzt erkennst du sie wieder, ihr blondes Haar mit einem leichten Stich ins Rote, ihren zierlichen Körper... Vielleicht solltest du jetzt noch nicht all zu intensiv in ihre Augen blicken, den deren warme, das blaugrüne Schimmern, das man gelegentlich einem rohen Lapislazuli entlocken kann, könnte dich etwas durcheinanderbringen. Andererseits - gebe ich zu - wirst du schlecht die ganze Zeit Löcher in die Luft gucken können, insofern mach was du willst; früher oder später erwischt es dich sowieso. Doch dann, wenn du auch ihre delikate, brüchige Stimme vernimmst, so kann ich dir nur wünschen, du besäßest die Kraft jetzt noch - nicht mehr lange, aber jetzt noch nicht - deine Leidenschaft zu zügeln. Deine Träume mögen dahin schweifen, das ist gut so, denn - jetzt muß die Katze aus dem Sack - hier, im
Tal der Wünsche, erfüllen sich die Wünsche, die Träume aber, erfüllen sich im Tal der Träume, und dieses ist das Weiße Tal. Träumen kannst du so viel du willst, denn dein Wunsch wird an diesem Abend einzig und
allein dem Grat des Adlers gelten, der Kraftprobe deines Geistes und deines Körpers. |
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