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Steil
ist der Weg.
Es gibt von denen immer zwei
Doch ihre Ziele sind verschieden
Folgst du dem einen, kommst du nicht weit
Und auch kein Glück wird dir beschieden.
Doch wo der zweite, vermag niemand zu sagen.
Geh einfach weiter! Denn du darfst nicht verzagen.

Obwohl die anfängliche Wegstrecke, die Dolina Tomanowa entlang, trotz der nassen Witterung recht angenehm zu bewerkstelligen war, so war die zunehmende Steigung bei den herrschenden Wetterverhältnissen doch nicht ohne Beschwernis zu nehmen. Ich versuchte meinen Schritt ruhig zu halten, um dem Körper keinen Anlaß zur Überaktivität zu geben und dadurch die Kondenswasserbildung innerhalb meines Ponchos auf ein Minimum zu reduzieren. Vergebens. Nach einer Stunde Wanderung überlegte ich, ob es ohne Poncho nicht einfacher gewesen wäre hier draufzukommen, aber einerseits wußte ich, daß ich eine mehrstündige Route zurückzulegen hatte, was in einem durchnäßten Zustand aussichtslos war und daher einen Wetterschutz schlicht benötigte - selbst wenn er nicht perfekt sein sollte -, andererseits bot mir das Poncho einen guten Windschutz, welcher in den höheren Partien des Weges sich als recht dienlich erwies. Trotzdem sehnte ich mich nach der Schutzhütte, - bestünde diese nur aus einem Dach und einer Bank, - welche ich am Vortag hier gesehen und jetzt unbedingt aufsuchen wollte, in der Hoffnung mich dort etwas trocknen und ausruhen zu können. Doch der Weg zog sich dahin, die Steigung forderte ihren Tribut. Plötzlich vernahm ich den Geruch vom Rauch, welcher bei diesem Wetter wahrlich ein angenehmer war, weil solch ein Geruch unweigerlich mit Feuer, und somit mit Wärme assoziiert wird. Alsbald erblickte ich die Schutzhütte, unterhalb dieser der Rauch eines Lagerfeuers entweichte. Es war schon ein Glücksfall, daß gerade jetzt jemand Feuer entfacht habe, denn ich spürte die erste Unterkühlung und unangenehme Feuchtigkeit der Kleidung, und jeder, dem diese Gefühle nicht fremd sind und schon selbst in solchen Situationen zur Selbsthilfe griff, weißt, welche guten Dienste eine Flame angesichts einer waltenden Feuchtigkeit leisten kann. Doch es war nicht irgend jemand, der das Feuer machte, sondern ausgerechnet die Grenzsoldaten, welche mich am Vortag beim Verlassen des Verbotenen Pfades zur Strecke brachten. Es entstand eine merkwürdige Stimmung, denn obwohl das ungeschriebene Gesetz des Gebirges jedem Wanderer Schutz und Hilfe zu gewähren gebietet, so steht dieses Gesetz oft im Zwiespalt mit den Gesetzen der realen Welt und der Mensch oft dazwischen. Der Ausdruck "Verlegenheit" drängt sich dabei auf. Ich denke, die Grenzer sind so geschult, daß ein Wanderer in ihnen keinen Menschen sondern primär eine Uniform zu sehen hat, und so sind sie im normalen, gelassenem Umgang nicht geübt. Ja, sie sind aus ihrer Rolle gefallen, so als hätten sie nicht damit gerechnet, daß ich es schaffen könnte, in das Grenzland vorzudringen und sich ihrer Machtlosigkeit, mich daran zu hindern, plötzlich bewußt, in Traurigkeit und Schweigen verfielen. Denn was nutzt schon einem ein Amt, das man nicht walten lassen kann? Ich aber war da, wärmte mich auf und - was ihnen noch schlimmer vorkommen müßte - war dabei mich für den weiteren Weg bereit zu machen und schon bald sollte ich den Pfad der verloren Schluchten betreten, einen Weg also, der ihnen für immer versperrt bleiben wird. Ein Soldat unterliegt nun mal der Pflicht, die er zu erfüllen hat, und sich in Gegenden zu bewegen, wo eine andere Obrigkeit ihr Recht spricht, endet immer mit einem Konflikt, welchen zu meiden uns allen nur recht und billig erscheinen kann.

Pfad der verlorenen Schluchten

Der Dauerregen ließ spürbar nach und an seiner Stelle, oberhalb der 2000 m, setzte ein nebliger Nieselregen ein. Anfangs vertraute ich dem Schutz der über mich geneigten Fichten und Tannen aber bald verließ ich die Baumgrenze und begab mich auf einen im Fels heruntergerissenen Weg, der steil an den senkrechten Schluchten zum Gipfel führte. Obgleich das Gelände hohe Aufmerksamkeit abverlangte, wollte man nicht kopfüber mehrere hundert Meter ins Tal stürzen, so machte die Wanderung merkwürdigerweise viel Spaß. Alles war wie verzaubert, im Nebel umhüllt, und die Schluchten verloren sich in seinen Schwaden, wodurch sie keinen sehr gefährlichen Eindruck machten, zumal die Atmosphäre in unendlicher Stille gefangen schien. Die Luft war rein. Ab und zu drang ein kleiner Wasserstrahl aus dem Felsen oder ein Geröllfeld durchbrach den Weg, aber dieser schritt ruhig und stetig voran. Doch dann begann er sich zu verlieren, wie von einer geheimen Macht gezwungen, änderte er unvermittelt seine Richtung. Es kam mir vor, ich ginge im Zickzack, dann aber verlor ich die Orientierung

und wußte nicht in welche Richtung ich mich überhaupt bewege. Der Nebel ist zudem dichter geworden und es war immer schwieriger die Wegemarkierung zu entdecken, um ihr sicher Folge zu leisten. Was ging hier eigentlich vor? In solchen Situationen hilft eigentlich nur eines: sicheren Schrittes gen oben zu wandern, da dort, am Gipfel nämlich, der Weg verlaufen müsse. Solange ich bergauf ging machte mir diese Irrfahrt keine Schwierigkeiten, weil ich mir zumindest der groben Richtung, nämlich der nach oben sicher war. Nicht so auf den Roten Gipfeln, deren drei an der Zahl. Denn hat man den ersten erreicht, so wisse man ohne Aussicht nicht, wo die restlichen zwei zu suchen sind. Und selbst wenn man den Zweiten sicher erklommen, wo dann nach dem Dritten suchen? Und auf den Dritten: in welche Himmelsrichtung dem Weg folgen? Oben angekommen, sah ich mich nur noch vom Nebelschwaden umgeben und vom Schluchten welche diesmal tatsächlich in ungewisse Tiefen fielen. Ich konnte mich nur an dem ausgetretenen Weg orientieren und hoffen, daß mich dieser am Grat entlang weiter durch das Grenzland hinausführen wird. Dies war jedoch nicht der Fall. Schließlich fand ich die Wegemarkierung, doch dieser war nicht mehr rot. Nun hatte ich nur die Alternative, entweder zurückzugehen und nach dem richtigen Weg zu suchen, oder diesem hier - obgleich einem falschen, doch zumindest sicheren - weiter Talabwärts zu folgen. Ich wählte die zweite Möglichkeit, weil ich da noch von der Hoffnung ergriffen war, dort den richtigen Weg zu finden, doch je mehr, je steiler ich mich dem Tal näherte, um so mehr schwand diese und um so mehr überkam mich die Gewißheit, einen folgenschweren Fehler begangen zu haben.

Erst jetzt wurde mir allmählich klar, worin das Wesen des Grenzlandes bestand: die beiden Mächte - die eine mich führend, die andere auf mein Scheitern pochend - fochten hier einen beständigen Kampf aus. Dieser war alles andere als willkürlich, vielmehr unterlag er einem strengen Regelwerk, welches mit dem des Schachspiels zu vergleichen wäre. Zug für Zug übten sie ihre Kraft auf mich aus und es war nicht vorauszusehen, welche von ihnen einen bessern machen wird. Doch als ich das Tal, das nun vor mir lag, erreichte, ist es mir bewußt geworden, wie sehr ich in dieser Strategie zurückgeworfen worden war. Nun befand ich mich tatsächlich am Ausgang der Dolina Koscieliska. Ja, genau dort, wohin mich die Schönheit, die Grazie von der "Ornak" locken wollte, genau dort, wo mich die Grenzsoldaten am liebsten gesehen hätten, genau an der Schwelle zur Zivilisation, am Ausgang in die Realwelt, nah dran aus dem Grenzland für immer hinauszutreten. Doch jetzt - und dies war wahrscheinlich meine letzte Rettung - waren die Mächte des Zaubers am Zuge.

Genau an der Stellen, wo der Weg zu den Roten Gipfeln im Tal mündet, geht noch ein anderer, unscheinbarer Weg ab. Viele übersehen ihn und auch mir wäre es nicht anders ergangen, denn er führt weder zu einem Gipfel, noch zu einer Hölle, noch zu einer Hütte; man könnte beinahe dem Eindruck erliegen, er führe nirgends hin. Seine Stärke besteht jedoch darin, daß er die meisten Talausläufe der Tatra miteinander verbindet; sein

Name ist Scieszka pod Reglami, was so viel heißt wie der Pfad unterhalb der Wipfel. Aber es ist nicht nur seine Unscheinbarkeit und seine doch imposante Länge, was diesen Weg zu einem sehr einsamen macht. Hier, in der Abgeschiedenheitdes Pfades, wird man zum ersten Mal mit der Gefahr, einem Bären zu begegnen konfrontiert; eine Begegnung, vor welcher ich jeden nur warnen kann. Mir blieb sie glücklicherweise noch erspart. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft gehabt hätte diesen langen und mühsamen Weg zu gehen, angesichts der Tatsache, daß meine ganze bisherige Wanderung mich beinahe an deren Ausgangspunkt geführt hat. Mehr noch, der Gedanke, im Kreise gelaufen zu sein erschrak mich förmlich und schien mir auch noch den Rest der Energie zu rauben. Doch nun passierte was wunderbares: die Wolkendecke riß auf, ich konnte sehen wie die Wolken von einem starken Wind fortgetrieben werden und ein warmer, wohltuender Sonnenstrahl erreichte mein Gesicht. Ich spürte, wie meine Kleidung trocknete - meine nasse Hose wurde zuerst feucht, dann nur noch klamm und schließlich warm und trocken - und die Müdigkeit wich aus meinen Gliedern. Ich ging weiter. Schon beschleunigte ich den Schritt. Noch gab ich mich nicht geschlagen! Aber... ich wartete auf den nächsten Zug.

Und ich hatte nicht lange zu warten. Als ich nun endlich die Ausläufe des Tal des Trockenen Wassers erreichte, wurde mir klar, daß der Löwenanteil der Wanderung unmittelbar vor mir lag. Ich mußte den Paß an der Kondracka erreichen, die steilen Wände des Giewont am Versteck der schlafenden Ritter erklimmen und summa summarum 600m Höhenunterschied mit voller Belastung seitens meines Rucksacks überwinden. So ist schnell die wohltuende Wärme der Sonne zur plackenden Hitze geworden. In den tiefen gelegenen Partien konnte ich noch meinen Durst an den zahlreichen Bächen stillen doch dies geschah nur für ganz kurzer Zeit, denn das Wasser im Tal des Trockenen Wassers ist nun mal anders; der Name des Tals kommt nicht von Ungefähr. (Die Kenner der Tatra mögen es mir verzeihen, daß ich das Tal des Trockenen Wassers ins Tal der kleinen Wiese verlagerte, aber die Geschichte verlangt es so von mir.) Ich muß eingestehen, unterhalb des Passes verließen mich meine Kräfte. Voller Erschöpfung ließ ich mich auf einem Stein nieder und versuchte meinen Atem zu beruhigen und den Durst zu überwinden. Und plötzlich vernahm ich Schritte, welche von unten immer näher kamen. Es überrasche mich sehr, daß da jemand hinaufging, denn bei jeder Ruhepause - und ich gönnte mir etliche davon - schaute ich zurück und sah niemanden den Weg hinaufsteigen. Nun kam mir aus dem Kiefergewächs ein Wanderer entgegen, grüßte mich und ohne viel zu reden teilte er mit mir seine Wasserration. Er teilte auch seine energiespendende Schokolade mit mir und meine höfliche Ablehnung, welche ich mit dem Gefühl des Durstes nach dem Genuß einer Süßigkeit begründete, wies er ab mit dem Argument: "Wasser habe ich genug, dann trinkst Du eben, bis zu keinen Durst mehr hast." So geschah es auch und so schnell er gekommen, so schnell reichte er mir seine Hand, verabschiedete sich und verschwand. Ich hatte nun mal nicht mehr weit zum Paß und so meisterte ich die restliche Wegstrecke mit Bravour.

Trotzdem wußte ich, daß weder meine Kräfte noch die herannahende Abenddämmerung mir erlauben werden, das Grenzland an diesem Tage zu verlassen. So machte ich mich auf den Weg in die Berghütte in der Hala Kondratowa und wartete den nächsten Schachzug ab. Der Kampf war noch lange nicht vorbei.

Die Atmosphäre in der Berghütte in der Kondratowa läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß auch dieses Ort ein Teil des Grenzlands sei. Vieles ist dort schlicht anders, als in den anderen Hütten und man kann es wenden und drehen wie man will, ob nach den Gesetzen des Realen oder denen des Zaubers, wenig

Stimmliches findet man dort vor. Weißt der Allmächtige selbst warum. Am Anfang waren es nur Kleinigkeiten, in denen man eine gewisse Ungemütlichkeit zu entdecken glaubte, wie etwa das Fehlen eines Zapfhahns für frisches Bier, einer doch sehr nützlichen Vorrichtung blickt man auf die angenehmen Abende in den anderen Berghütten zurück, wo das wohltuende Aroma, welches einem Bierkruge zu entlocken sei, den Gesprächen so manch eine melancholische, manch eine erbauliche Wendung herbeizuführen vermochte. Dann war da noch dieser Hauch, nein, schon beinahe ein Anflug von Kälte, welche - wie es sich später herausstellen sollte - die nähe des Tals der Wünsche ankündigen sollte, im Augenblick jedoch nur ein klammes Gefühl der Ungewißheit vermittelte. Und die Gestalten, welche ich dort traf? Wo kamen sie her, wo gingen sie hin? Das alles ergab doch keinen Sinn. Da war doch der ältere Mann, welcher gerade aus der Stadt - also aus der Zivilisation auf der anderen Seite - kam, wo er Einkäufe getätigt, so als wollte er noch manch eine schwere Tour hinter sich bringen: ein großes Stück Wurst, ein halber Leib Brot, Käse und sogar eine Konserve. Er, wie übrigens alle dort, erzählte nur von den höchsten Gipfeln der Hohen Tatra, von den Gefahren am Grat des Adlers. Er erzählte viel, aber als ich ihm die Frage nach seiner anstehende Tour stellte, so bekam ich die befremdende Antwort, er sei nun fertig, genug sei er schon gewandert und geklettert, nun fahre morgen nach Hause. Das verstand ich nicht sofort und vielleicht hätte ich da noch nachgefragt, noch eine Aufklärung bezüglich seiner Einkäufe herbeizuführen versucht, wenn da nicht die anderen Wanderer gewesen wären. Der Deutsche aus Schwabenland zum Beispiel, auch er kam von des Adlers Grat, was schon deswegen ungewöhnlich sei, da dieser Pfad immerhin eine Tageswanderung von der Kondratowa entfernt ist und nur unter ungewöhnlichen konditionellen Anstrengung zu erreichten wäre. Mehr noch, dieser behauptete, am darauffolgenden Tag diesen Klettersteig noch mal zu betreten, weil er diesen noch nicht vollständig bewandert haben sollte. Doch obwohl ich ebenfalls in diese Gegend vorgestoßen bin und die einzige Berghütte dieser Region bewohnte, begegnet ist er mir nicht mehr. Und die anderen? Was ist mit dem Pärchen, das überhaupt keine Angaben zu machen wußte, und zwar sowohl darüber wo es herkam als auch wohin es zu gehen bedenke und nur im Flüsterton sprach? Und der kranke Soldat, welcher - natürlich, wie könnte es anders sein - ebenfalls von des Adlers Grat kam und sich über die weiteren Ziele seiner Wanderung noch nicht im Klaren zu sein glaubte? Alles war merkwürdig und obwohl ich doch noch einem anderen Wandersmann eine Dose Bier abkaufen konnte, so spürte ich diese unbestimmte Unruhe in mir. Verstärkt wurde das Gefühl zudem durch das ständige Grölen eines Tieres da draußen, wobei es nicht leicht zu bestimmen war, ob es sich dabei um einen Hirschen oder einen Bären handelte; ein Hirsch wird es gewesen sein, denn als ich später tatsächlich einem Bären begegnete, so machte dieser einen, wenn nicht gerade friedlichen, doch zumindest einen leisen Eindruck. Das Spiel ging weiter.

Ja, das Grenzland. Das kann einen ganz schön kirre machen. All diese Leute, dieser Kälteeinbruch und diese Lage der Hütte, von hohen Bergen umgeben, von herniederfallenden Schluchten anvisiert, in einem dunklem Tal gefangen, nur in den Morgenstunden von Sonnenstrahlen getroffen, all das kaschierte wohl die größte Unstimmigkeit dieser Situation, denn obwohl alle vom Grat des Adler zu kommen glaubten - dies zumindest mir versichern wollten -, so läßt die Tatsache, daß es in der Kondratowa nur drei Wege gibt, diese Variante als ausgeschlossen enthüllt und eine andere unterminiert sie sogar. Denn der erste Weg, war dieser welchen ich in das Tal hinabgestiegen bin, und welcher vom Paß an der Kondracka, unterhalb von Giewont führt. Den zweiten bin ich am nächsten Tag gegangen, und dieser führte auf den Grat zwischen Kasprowy und die Roten Gipfel; diesen Weg - ich vergewisserte mich dessen vielfach -  ging ich allein. Der dritte Weg aber, war der Weg aus den Bergen, aus dem Grenzland hinaus. So kam ich notgedrungen zu der Erkenntnis, daß all diese Unstimmigkeiten nur einen einzigen Ursprung hatten: ich bin den letzten Wesen der realen Welt begegnet und ich habe diese somit verlassen. Jetzt sah ich alles mit anderen Augen und verstand es mit einem anderem Verstand. All das, was noch vor kurzem vielleicht noch Sinn ergäben hätte, war schlicht irreal, die Maske ist gefallen, die Grenze sollte jetzt überschritten werden und meine Gedanken sollten schon bald von einer überwältigenden, nie erlebten Klarheit und Weitsicht in Anspruch genommen werden. Ich freute mich auf den nächsten Tag.

Nun, mein Lieber, es mag dir erscheinen, ich war mir all dieser Gefühle und Gedanken vollkommen bewußt. Dies war nicht so. Sie waren da, sie überkamen mich mit einer simplen und daher kaum wahrnehmbaren Selbstverständlichkeit und ich schenkte ihnen nicht mehr und nicht weniger Aufmerksamkeit, als sie es in dem jeweiligen Augenblick auch verdienten. Wenn ich es jetzt in Worte kleide, welche vielleicht an manchen Stellen etwas analytisch oder gar allwissend klingen mögen, so geschieht es nur deshalb, da ich deren Zusammenhänge und Wechselwirkungen dir als auch mir selbst wiedergeben, erklären und auch hier und dort hinterfragen möchte. Aber, glaube mir, die Passage durch das Grenzland begann ich erst später, viel später zu verstehen, ja sie sogar wahrzunehmen war ich noch lange nicht in der Lage. In dem Augenblick, wo ich zur Morgenstunde als erster die Hütte auf der Kondratowa verließ, wußte ich nur, daß all das, was mich in diesem Moment umgibt schlicht und einfach wahr ist; unwiderlegbar und unumgänglich. Noch glaubte ich an den Zufall, noch wagte ich den Gesetzen der Kraina keine Aufmerksamkeit zu schenken, denn wie du weißt, mit Gesetzen verbinden wir hier in unserer Welt etwas Aufoktroyiertes, etwas Aufgesetztes, dem wir uns in der Regel zu beugen haben, oft sogar so tief, daß unser Rückgrad, wenn er nicht gerade zerbricht, doch weich und krumm wird und unsere Gesichter unweigerlich gen Erde blicken. Wie widersprüchlich muß dir jetzt die Vorstellung erscheinen, daß die Gesetze des Zaubers völlig anderer Natur sind, daß sie nur im Einklang mit deinem Herzen und mit deinem Geist wirken, daß sie eigentlich erst von dir und durch dich geschaffen werden. Das hat nicht immer etwas mit direktem Willen zu tun, denn viele Wünsche stecken tief in uns und sind nicht einmal für unseren Willen und unseren Verstand greifbar. Vieles - und ich möchte betonen: viel Gutes -  steck verborgen und gut geschützt in den weitesten Gegenden unseres Herzens. Vieles haben wir dort schon in unserer Kindheit gelassen, Vieles mußten wir vor den rauhen Winden des Alltags und den rohen Gemütern der Mitmenschen schützen, bis wir es eines Tages aus den Augen verloren und vergessen haben. Bedenke nur, wie viele Träume aus deiner Kindheit, wo dein Herz noch unbeschwert und frei war, du heute noch leben kannst. Viele sind es nicht, und dabei bist du schon als kleiner Junge zu den Sternen geflogen. Hast du es etwa vergessen?

Jetzt sollte es dir absolut klar sein, wieso du auf dem Weg zum Weißen Tal zuerst ein mal das Tal der Wünsche passieren mußt, ein Ort wo dich die schwierigsten Proben deiner Selbst erwarten und wo nichts ohne die Zustimmung deines Geistes passiert. Trotzdem geschieht das Meiste unerwartet und überrascht uns so, wie der erste Schnee eines ausklingenden Jahres.

Als ich dann völlig ahnungslos den Grat, welcher mich in das Tal der Wünsche führen sollte, erreichte, fiel ich zuerst von den Beinen. Ein orkanstarker Wind warf mich einfach um. Ja es sollte nun der letzte Schachzug, der letzte, liederliche Versuch sein, mich vom Weitergehen abzuhalten und obwohl die Wanderung schwierig und gefährlich war, so erfüllte mich das Gefühl, das Grenzland zu passieren, mit neuer Kraft und Freude. Bisher bin ich gekommen, so gehe ich auch weiter. Später merkte ich, daß dieser starke Wind ein sehr gutes Zeichen war, eines das du unbedingt beachten solltest. Du wirst seinen Sinn später begreifen, später wenn du das Tor der Winde passieren wirst.

Am Mittag erreichte ich das Tal der Wünsche, ich betrat die Kraina.