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Verworren erscheint der Augenblick
Nicht eher,
An dessen Schwelle das Licht nun warte.
Die Versuchung hält dich noch zurück
Es geschehe,
daß von nun an der Zauber walte!

Der darauffolgende Morgen wird entscheidend sein, so versäume nicht seine Zeichen zu lesen, um mit zögernden Schritt eines Kranichs in die Morgendämmerung einzutauchen. Ich brauche dir nicht ans Herz zu legen, zeitig vom Bette aufzustehen; dies - so wirst du sehen - wird sich ohnehin vom selbst einstellen, denn dein Körper nun des Schlafes überdrüssig, nach den Aktivitäten eines neuen Tages trachten wird. Deine Augen werden die dämmrige Stimmung dieses Morgens willkommen heißen. Versuch nicht einmal das Licht im Schlafsaal einzuschalten, es wird nicht funktionieren, da im "Ornak" über die Nacht alles Überflüssige, von dummen Gedanken bis hin zur Elektrizität, abgeschaltet wird und erst mit dem Beginn des Frühstücksmals mit mehr Licht und heißem Sud zu rechnen sei. Außerdem, wozu brauchst du elektrisches Licht? Wenn du dich in den vergangenen Tagen richtig eingelebt hast - und davon gehe ich bei aller Bescheidenheit doch aus - wirst du mit einigen gekonnten Handgriffen dich sowohl zu packen als auch zu waschen wissen und die Ruhe dieser frühen Stunden wirst du eher als einen Segen empfinden, als diese zu verwünschen. Von der verhexten Stimmung in den unter der niedrigen Holzdecke der Hütte tief gebeugten Gänge und Flure, welche sich in den Flügeln der Behausung kreuzförmig oberhalb des Treppenhauses vereinen, mal ganz zu schweigen. Denn dort wo das Auge nicht reicht, da breiten sich der Vorstellungskraft mächtigste Visionen aus, um so machtvoller je ungewohnter der Dunstkreis des Erlebten. Eile brauchst du nicht zu haben, denn obgleich der Weg an diesem Tag lang und beschwerlich sein wird, so wird sein Verlauf ohnehin nicht so sehr von deinem Willen, wie von anderen Mächten bestimmt.

Gehe in den noch verlassenen Speisesaal hinunter. Schön ist er, nicht wahr? Seine Wände sind aus dicken Holzballen, die decke von massigen Pfeilern gestützt nicht all zu hoch, und die kleinen Fenster geben einen verschämten Blick nach außen preis. Alles ist noch ruhig, du bist allein und draußen siehst du schon das unwahrscheinliche nahen. Achte darauf, daß der Zeitpunkt richtig gewählt worden ist: es müßte ein Mittwoch sein und vom wolkenverhangenen Himmel ein gleichmäßiger Regen fallen. Gehe kurz vor die schwere, eisenbeschlagene Holztür. Der Regen flüstert leise den Rosenkranz seiner Tropen, deren leises Trommeln die Stille mit einem kaum wahrnehmbaren Rauschen erfüllt, das sich mit der Melodie der kleinen Rinnsale des sich sammelnden Wassers vermischt. Bald werden sie den Bach mit ihrer Kraft speisen, dieser wird sich dann mächtig ins Tal ergießen bevor das reißende Naß der Berge, im Flachland gezähmt, sich zu einem Fluß vereinigt. Merkst du, daß die Welt anders geworden ist? Spürst du, wie sehr du in diesem Augenblick befangen bist? Dieser ist wahrlich nicht von dieser Zeit, nicht von dieser Welt. Es ist etwas ewig Fortwährendes an ihm, nicht wahr?

Im Speisesaal solltest du den zweiten Tisch auf der linken Seite wählen und sich dort auf der breiten, massiven Bank am Fenster niederlassen. Das ist wichtig, denn so behältst du den ganzen Raum im Auge ohne dich ständig umschauen zu müssen und wirst dir die Personen merken können, deren Gegenwart für deine weitere Reise von Bedeutung sein wird. Frühstücke gut und ausgiebig, versäume nicht, deine Thermoskanne mit heißem Tee zu füllen, denn das Wetter wird einiges von dir abverlangen, auch im puncto Wärme und Kondition.

Schon am Abend davor wirst du auf eine Frau, ein wahrlich formvollendetes Wesen, aufmerksam. Dies verwundert nicht, denn ihr Lächeln - das verspreche ist dir - wird zu den schönsten gehören, das du je erblickt und je in dein Herz geschlossen hast. Wahrlich eine schöne Erscheinung, welche nun sich zu dem Tisch zu deiner Linken hinsetzen wird. Du begibst dich in große Gefahr, wenn du jetzt deinen Blick in diese Richtung wendest! Denn obgleich ihr Charme und ihre Grazie dich zu überwältigen versuchen werden, so wirst du deinerseits dieser Versuchung widerstehen müssen. So leid es mir tut, die Eigentümlichkeit des Grenzlandes besteht darin, daß du auf seinen Pfaden hin und her gerissen wirst, und das beginnt schon jetzt. Auf der einen Seite werden die Kräfte der realen Welt versuchen, dich um jeden Preis in ihrem Bann zu halten, auf der anderen wird die schützende Hand des Zaubers, über dich wachend, dir deinen Weg fortzusetzen helfen. Ich will dich nicht enttäuschen, aber diese Schönheit gehört der ersten Welt an. Du wirst es auch selbst begreifen, denn wie wunderschön ihr Lächeln auch zu sein vorgibt, so wird es ein Lächeln von dieser Welt bleiben; eine Vorstellung die schwer zu akzeptieren aber in sich letztendlich plausibel sein wird. Deine innere Stimme und das kleine Maß an Schüchternheit, welche du in deinem Herzen trägst, werden es dir sagen. Aber trotzdem will ich dich nicht dazu verführen, deine Zweifel ungeachtet der Vernunft beiseite zu legen. Hast du welche, so baue sie ab. Sei aber vorsichtig, denn die Macht der Versuchung ist groß und eines versichere ich dir: wagst du diese Frau anzusprechen, so bist du verloren, so werden dich die seichten Gefilden des XXI. Jahrhunderts schon bald ereilen, denn ihre süße Stimme ist die einer Sirene, welche auf einem Felsen die Seefahrer ins Verderben ruft, und ihre Verführung steht dem einer Circe von Aiaia in nichts nach, "so bedenke Odysseus, welchen Weg du einzuschlagen bedenkst". Gehe behutsamer vor. Sie wird ja schließlich nicht allein sein. Es ist immer so, daß die Boten der realen Welt niemals allein auftreten; auch sie sind nur deren Sklaven und müssen ständig bewacht werden. So wird auch diese Erscheinung in Begleitung einer Bekannten auftreten, welche wiederum jeglichen Charme beraubt sein wird. Spreche mit dieser; versuche ihre Weiterreise zu erkunden und du wirst verstehen, daß der Regen sie noch heute aus dem Gebirge wird verscheuchen, daß sie die Heimreise werden antreten  müssen. Dann müßte dir der ganze Plan sonnenklar sein: es geht einfach darum, dich ebenfalls vom Grenzland wegzulocken. Du würdest der Grazie nicht widerstehen können, hättest sie nach Zakopane begleitet, ihr deine Adresse gegeben, Küßchen hier, Küßchen dort und das war's. Du wärest kläglich gescheitert. Glaubst du nicht? Und wo wäre dann dein Herz gewesen? Wem würde dann deine Sehnsucht gelten? Dein Weg wäre hier schlicht zu Ende. Nun bedünkt es mich, du hast doch die Klippen dieser höheren Ansicht erklommen und bist letztendlich in effigie gewillt meinen Ratschlag nicht in den Wind zu schlagen. Warte den Augenblick deines Aufbrechens ab.

Hingegen solltest du deine Aufmerksamkeit dem Tisch schräg rechts gegenüber widmen. Dort wird sich ein Pärchen niederlassen (d.h. du wirst sie für ein Pärchen halten, was noch lange nicht bedeutet, daß sie ein Pärchen sind, und selbst wenn sie in diesem Augenblick tatsächlich ein Pärchen sein sollten, was jedoch nicht der Fall sein wird, so heißt es noch lange nicht, daß sie auch künftig ein Pärchen bleiben werden, was ihnen natürlich zu wünschen wäre, aber im Augenblick ohnehin nicht vom belange sei, weil sie es nicht sind, was du allerdings noch nicht weißt). Auch wenn es nicht gerade deinem inneren Wesen entspricht, deine Aufmerksamkeit vorzugsweise dem männlichen Teil dieser Erscheinung zu widmen, so beachte nur, daß es sich bei dem Manne um einen kräftig gebauten Blonden handelt, der in ein dunkles, kariertes Flanellhemd gekleidet ist. Die Frau an seiner Seite braucht dich jetzt noch nicht zu interessieren (schließlich wirst du sie für die Frau eines anderen halten), obgleich (ich Schelm, der böses dabei denkt!) ....

Ich kann nur hoffen, daß du nun für dieses Wetter draußen gut gerüstet bist. Ich habe es dir bisher noch nicht gesagt, aber du wirst der einzige sein, der nun ins Gebirge geht; alle anderen werden vor dem Wetter kapitulieren, denn erst im Gebirge stellt die rauhe Witterung höhere Ansprüche an den Menschen und seine Ausrüstung. Aber wenn du ein solides Poncho (insbesondere ein KraxenAS Rucksackponcho für Tramper, Trekking, Backpacking, nahtgeschweißt, Beschichtung: extrem dicht und kältefest, trittsicher durch verstellbare Länge) oder was ähnliches dein eigen nennst und dich zu der Anschaffung von Gamaschen durchgerungen hast, so hast du von der Seite her nichts zu befürchten, denn naß wirst du sowieso (das nahtgeschweißte Poncho wirkt bei körperlicher Anstrengung nun mal wie eine Sauna). Wenn du jetzt auch noch deine Schuhe gut imprägniert hast, so kannst du dich von deinen neugewonnenen Freunden verabschieden und versäume nicht - im Unterschied zu mir - ihnen deine Koordinaten zu hinterlassen, denn solltest du den Fehler machen und eines Tages in deine Welt zurückkehren, so wirst du Menschen von diesem Schlage schlicht und einfach vermissen.

Sollte indessen in deinem Kopf immer noch das Lächeln der Grazie am linken Tisch herumschwirren, so - um dir den letzten Beweis meiner Worte zu liefern und deiner Begierde nun endgültig den gar auszumachen - bitte schön, verlaßt doch gemeinsam die Hütte. Wenn du meine Anmerkungen über die Führung eines Wanderers durch das Äußere des Weges aufmerksam gelesen hast und diese jetzt nicht blindlings liegen lassen wirst, so wirst du unzweideutig erkennen, daß schon nach wenigen Schritten eure Wege sich trennen werden. Ihr weg wird dieser, welche dir flau und durchsichtig erscheinen wird. Seine Struktur wird sich schon an der ersten Kurve in die Topographie einer unausgewogenen Landschaft verlieren. Es wird der Weg die Dolina Koscieliska zum Talausgang sein. Allein der Gedanke, diesen zu beschreiten wird dir absurd vorkommen. Dein Weg hingegen wird in einer gleichmäßigen Steigung die Dolina Tomanowa entlang heraufführen. Er wird dich, wie ein Magnet anziehen, einem Wirbel gleich wirst du vom seinem Duft verzaubert und in diesen hineingezogen und beinahe intuitiv seinem Pfad folgen. Es ist ein schwieriger Weg: der Pfad der verlorenen Schluchten im Grenzland, oder wie Außenstehende zu sagen pflegen: der rote Weg zu den Roten Gipfeln.