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Wo Wind und Stille Kraft entfalten,
da führt ein Weg entlang am Grat,
und dort, wo fremde Mächte walten
verlief einst der Verbotene Pfad.

Vom höchsten Glanz nun seine Pracht,
so wie der Zauber, der hier wacht.

Auch du wirst der Magie dieses Ortes erliegen. Auf den ersten Blick wirst du vielleicht im "Ornak" eine Hütte sehen wie jede andere, aber dies ist nicht so. Polana Ornaczanska liegt am Fuße des Blyszcz, eines Berges, dessen Kraft schon viele Wanderer zu verblüffen, um nicht zu sagen, zu verzaubern vermochte. Sein Name, der so viel bedeutet wie "Der Glänzende" kommt daher, weil sein Gipfel, die meiste Zeit des Jahres vom Schnee und Eis bedeckt, das ganze Tal mit einem fast unwirklichen Licht der in ihm sich widerspiegelnden Gestirne überflutet. Im Sonnenschein ist es unmöglich den Blick zum Berg hinauf zu richten, da der Widerschein die Augen blendet, und Nachts überzieht ein dunkelblaues Fluidum die Landschaft mit einem magischen, imaginären Schein. Dann kehrt Ruhe in die Hütte ein; die Stimmen werden leiser, den Gesichtern ist ein leichtes Lächeln zu entnehmen und das Denken schweift in die Melancholie dieser Stimmung ab, so wie ein Stück Holz auf scheinbar ruhiger See unmerklich in die Weite des Gewässers fortgetragen wird: leise, unmerklich. Hier, im "Ornak" stehst du an der Schwelle zu der Anderen Welt, deren Name hier noch klanglos und daher lange noch nicht bestimmbar ist. Diese ist zwar noch zwei Tagesreisen von hier entfernt, aber genau hier bereitest du dich auf den Weg dorthin vor. Hier legst du deine Maske ab, hier bekennst du dich zu deinem wahren Wesen und dann betrittst das Grenzland, welches auch tatsächlich an der Grenze von West- in die Hohe Tatra verläuft und dessen Geister dir alles andere als wohlgewogen sein werden.

Überstürze nichts. Noch bist du Herr deiner Taten, deiner Träume und deiner Wünsche. Das wird sich bald ändern! Nutze die Aura dieses Ortes, um dich etwas besser einzuleben; laß die Zeit los und die Berge auf dich wirken. Entdecke ihre Geheimnisse, vergewissere dich deiner weiteren Schritte. Am wichtigsten aber: warte den richtigen Augenblick ab! Du kannst das Grenzland nicht immer betreten, ohne den Pfad zu verlieren. Nimm all die Zeichen, welche dir das Gebirge schickt, entgegen und lerne sie richtig zu deuten. Du wirst den richtigen Augenblick sofort erkennen, habe daher keine Sorgen, und laß alles los.

Ich kann dich beruhigen, daß das Leben im "Ornak" noch keinen so strengen Gesetzen unterliegt, wie das im Weißen Tal oder gar im Tal der Wünsche der Fall sein wird. Hier kannst du dir noch alles erlauben, was dein Herz begehrt und das schöne daran ist, daß es nur Gutes begehrt. Ich persönlich nutzte den darauffolgenden Tag für eine wunderschöne Tour auf die Bystra, den höchsten Berg der West-Tatra. Es war aber keine gewöhnliche Wanderung; dafür liegen ihre Massive zu nah an der Kraina, um von ihrer Wirkung unberührt zu bleiben. Du wirst sehen, daß die Stimmung da oben anders ist als alles dir bekannte. Der Wind weht kräftiger als wollte er hier sein Revier abstecken und dich davor zu warnen, seine Gefilden zu betreten. Die Sonne hat es auch nicht einfach: die schweren Wolken scheinen sie zu verdecken, aber wenn du genau hinschaust, so stellst du fest, es geht gar nicht um die Sonne; es geht darum, dir den Blick in die Weite zu versperren, als könntest du dort etwas erspähen, was deinen Augen nicht zuträglich sei. Aber es gelingt nicht: der selbe Wind, welcher die Wolken herbeigerufen, wird diese auch verscheuchen. Trotzdem wirst du nicht weiter als zu den Roten Gipfeln blicken können, und das nicht, weil die Sicht zu schlecht, sondern vielmehr, weil die Welt jenseits jener Berge von dir noch nicht gefunden. Diese Sicht wirst du dir noch erkämpfen müssen, willst du deinen Blick nicht der Vergangenheit zuwenden, willst du dort deine Zukunft finden. Denn dort, wo der erlebte Augenblick zum Faktum wird, kommen die beiden Dimensionen zusammen. Dann ist es nicht immer einfach nach vorne zu sehen, wo alles ungewiß, und manch einer flüchtet sich ins Vergangene, wo alles heimisch, wo aber alles schon zu

Ende. Du wirst merken, es in deinem Inneren erahnen, daß hier eine Macht zu Hause ist, welche mit aller Kraft versuchen wird dich vom Weitergehen abzuhalten und deren Blick selten Neues offenbart. Diese Macht ist dir bestens bekannt, auch wenn sie viele Namen trägt. Ihr tausendfaches Antlitz sieht man heutzutage überall. Sie gestaltet das Bild unserer Straße und Städte, sie bestimmt unseren Willen und weckt unsere Begierden. Bei welchen Namen sollte ich sie nennen? Schwierig. Sie ist unfaßbar und ihr Äußeres ist schlüpfrig. Manchmal zeigt sie sich als schlichte Gewohnheit, dann wird sie zur Sucht. Oft täuscht sie die Liebe vor und  weckt im Menschen die Wollust. Dann wiederum bedient sie sich des Neides, um unsere dunkelsten Seiten zum klingen zu bringen, einfach so, aus purer Selbstsucht. Ja, machtgierig ist sie und glaube nicht, daß sie dich einfach so, kampflos und ohne List, deinem Schicksal übergibt, den du schon bald selbst zu bestimmen wissen wirst. So wie sie schon vor Jahrhunderten im Königreich unseres unbekannten Dichters die Führung ergriff und zahllose Männer dem Schlund der Ozeane opferte, um ihre Herrschaft zu festigen, um den Weg zum Weißen Tal zu verwischen, so wird sie auch dich davon abhalten wollen, das Tal der Wünsche zu erreichen, wo du dich ihrem Einfluß gänzlich entziehen kannst und es ohne zu zögern auch tun wirst. Nimm dich also in Acht! Erlege nicht der Vergangenheit und du wirst sehen, daß du nicht allein bist. Auch die Kräfte des Zaubers, welche dich hierher geführt haben, wirken in dieser Landschaft, wie du es selbst wirst feststellen können: wenn du sie stärkst, wirst du aus dem Kampf dieser Welten siegreich hervorgehen. Du brauchst nur deinen Weg zu gehen.

In dem Augenblick als ich auf dem Gipfel der Bystra stand, sah ich nur sanfte Vorboten dieses Kampfes im Form der Winde, welche hier wüteten, und war mir der bevorstehenden Plackerei noch nicht bewußt. Aber es war vielleicht richtig so, denn ich konnte unwissend und unvoreingenommen der Herausforderung der nächsten Tage ins Auge blicken, ohne an meinen Kräften zweifeln zu müssen. Ich konnte meinem Körper und meinem Geist freien Lauf lassen und mich in dieser Landschaft  treiben zu lassen.

So kam ich - eher zufällig, wenn man zu diesem Zeitpunkt noch vom Zufall sprechen konnte, als bewußt, wenn da noch vom Bewußtsein die Rede sein kann - auf den Weg, der mich zum

Verbotenen Pfad führen sollte. Vor vielen Jahren war der Verbotene Pfad noch ein gern bewanderter Weg, welcher am Grat entlang vom Blyszcz über die Kamienista bis zum Paß an der Tomanowa verlief. Dieser Weg gehörte zu den reizvollsten in der Tatra, aber er barg in sich eine unglaubliche Gefahr, welche du und ich, als Wanderer zwischen den Welten, eher als Gnade empfinden würden. Der Pfad - ob du es glaubst oder nicht - führte auf dem direkten Weg in das Tal der Wünsche; er war die schnellste Verbindung zwischen den beiden Welten: der realen und der des Zaubers. Zudem stellt er die kürzeste Strecke durch das schwierige Grenzland hindurch dar. Ich muß dir wohl nicht sagen, daß genau das ihm zum Verhängnis geworden ist. Die Mächte der realen Welt bewirkten schon vor Jahren seine Schließung und obwohl es für uns einen Umweg von zwei Tagen bedeutet, den Verbotenen Pfad zu umgehen, so ist diese Maßnahme für jeden gewöhnlichen Wanderer, dessen Interesse nur dem Gebirge der Tatra gilt, eine richtige. Ich gebe zu, daß ich der Versuchung dieses Pfades nicht widerstehen konnte und

folgte ihm durch eine der wundersamsten und pittoresken Geheimnisse des Gebirges. Der Verbotene Pfad verläuft durch eine zarte, ja nahezu zerbrechliche Landschaft, in der inzwischen so manch seltenes Tier zu Hause ist und welche in sich so geschlossen und jungfräulich verbunden ist, daß man jeden Schritt voll Ehrfurcht setzt und sich an ihrer Schönheit nicht satt sehen kann. Dabei ist sie gefährlich. Manchmal mußte ich behutsam auf langen Geröllbänken schreiten, oder auf schmalen Überhängen etliche tiefen Schluchten überqueren. Die Steigungen können sich ebenfalls sehen lassen und die einsame Stimmung dieses Abschnitts tut ihr Übriges hinzu, daß der Verbotene Pfad in seiner Abgeschiedenheit einen verlassenen Eindruck macht. Ganz so als hätte man ihn von der Quelle seines Lebens abgeschnitten. Ich will dich daher nicht ermuntern, diesen Weg zu gehen. Trotz seiner Schönheit ist er bedrohlich und du begibst dich zudem in Gefahr, mit dem Gesetz ins Konflikt zu geraten, denn der Ausgang des Verbotenen Pfades wird ständig von Soldaten der Realen Welt bewacht. Es gleicht einem weiterem Wunder, daß ich mich da herausreden konnte. Trotzdem solltest du es dir nicht entgehen lassen, wenn du auf dem Blyszcz bist, den Blick nach Rechts zu wenden, dort wo im Osten die Sonne aufgeht befindet sich der Eingang zum Verbotenen Pfad. Du wirst ihn sofort erkennen.

Genieße den letzten Abend in der Hütte. Du wirst einige Freunde dort gewinnen und von da an immer mit Frohsinn und Behagen an die dort verbrachte Zeit zurückdenken, in der du deine Eindrücke in das frische Aroma eines Okocim-Bieres tauchtest, oder deine Hände am heißen Trinkbecher wärmend der Erzählungen der anderen Wanderer dein Ohr schenktest, während deine Augen an einem zufälligen Flirt ihr entzücken zu stillen wußten. Noch werden deine Erinnerungen greifbar sein, noch wird die Zeit meßbar, und nichts auf der Welt wird dich der dort erlebten Geschichten berauben können. Dann ruhe dich gut aus. Morgen betrittst du das Grenzland.