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Dolina Chocholowska - eine andere Welt und eine andere Zeit. Plötzlich ist alles Alltägliche sehr, sehr weit weg und alles, was
aus meinem Herzen, aus meiner innersten Stimmung entspringt, sehr nah. Ja, es kam wie es kommen mußte, ich habe es die ganze Zeit gespürt: es hat mich hierher gezogen, so als schöbe mich eine unsichtbare Hand voran. Und jetzt, wo
ich da bin, ist es als gehörte ich hier her. Und glaube nicht, mein Freund, daß mein Herz außer sich vor Freude ist. Oh, nein. Denn das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der Landschaft könnte auch etwas endgültiges an sich haben.
Und war es nicht das Endgültige, wovor ich hierher zu flüchten suchte? Ich gehörte hierher, ich gehöre hierher - aber soll das etwa heißen, daß ich für immer hierher gehören werde? Es fällt mir so schwer auf diese Frage zu
antworten; ja ich fürchte sie, denn wie sonst sollte ich mein Leben gestalten, wenn ich sie bejahen müßte, ohne der Aussicht auf die Verwirklichung dieser Bestimmung eine berechtigte und begründetere Hoffnung entgegenzustellen? Was
ist passiert? Hat mich das Leben oder nur seine Illusion hier eingeholt? Ist es meine Bestimmung oder ein Trugbild? Die Zeit wird es zeigen.Bis dahin will ich nur hoffen, daß du bisher nicht all zu sehr von meiner
Geschichte enttäuscht bist. Ich gebe es ja zu, bisher ist wahrlich wenig Ungewöhnliches passiert und vieles beruhe doch auf einer eher subjektiven Erfahrung; das Plausible und das Rationale folgen dieser auf den Schritt. Aber
bedenke, daß auch ich sehr lange gebraucht habe, um das Ungewöhnliche vom Gewöhnlichen zu unterscheiden und vieles erst zu akzeptieren lernen mußte und bis heute bleibt mir vieles unerklärlich. Eine Linie ist schwer zu ziehen, denn
man erreicht niemals einen Punkt, von dem aus eine Grenzziehung möglich wäre. Einem Schritt folgt nun mal ein zweiter und kaum fühlt sich unser Geist in seiner Fähigkeit, das Geschehene vollends zu erfassen, bestätigt, schon
offenbart sich ihm eine andere Wirklichkeit und das Geschehen wird im Nu zum Vergangenem. In den ersten Tagen in der Tatra war ich ebenfalls von bodenständigen Gedanken begleitet. Das tolle, sonnige Wetter und das
Wochenende trugen dazu bei, daß erstaunlich viele Menschen die Chocholowska besuchten. Der Eindruck, den sie vermittelten war an sich doch sehr wirklich und beileibe jeglichen Zaubers beraubt, obschon man sich ohnehin nicht im Wege
stand. Im Gebirge waren schon wesentlich weniger Leute unterwegs, aber an einsames Wandern war trotzdem nicht zu denken; eine Tatsache deren Lohn in zahlreichen Begegnungen mit einigen doch sehr geselligen Menschen auf dem
Wanderweg lag. Ich hoffte jedoch, meiner Ruhe willen, dies möge sich bald ändern, denn die Vorlesungen an den hiesigen Universitäten begannen schon in vier Tagen (es waren, wie üblich viele Studenten unterwegs) und das Wetter
machte ebenfalls keinen sehr stabilen Eindruck. Aber so wie das eine nicht störte, so erwies sich das andere als überaus angenehm. Ich war keine 24 Stunden im Tal und trotzdem habe ich mich blendend eingelebt.
Bereits am Tag meiner Ankunft lernte die Leute kennen, welche gemeinsam mit mir den Bus am Taleingang verlassen haben, die selben also, deren Konversation die Filme Kusturica's betraf, obgleich diese erstaunlich weit zurück zu
liegen schien. Nicht zuletzt wegen deren Geselligkeit verbrachte ich mit ihnen nicht nur den ganzen Abend sondern machte auch die darauffolgende Tour mit. Irena ist eine ältere, unglaublich lebenslustige Frau, welche die Tatra, wie
ihre eigene Westentasche kennt und nonstop am Erzählen ist. Manchmal ist das etwas anstrengend aber es ist immer recht amüsant und oft nicht uninteressant, denn sie kennt sehr viele Familien, welche hier ansässig sind und meist
über eine lange Geschichte verfügen, ein Wissen also, dessen Wert jeder, der eines Wortes begierig wohl zu schätzen wissen wird. Leszek und Ewa sind hingegen sehr ruhig und interessiert. Ihr Umgang machte es, daß das gemeinsame
Wandern uns allen viel Freude machte. Die ersten Strecken waren zwar vom Schwierigkeitsgrad her nicht sehr anspruchsvoll, aber für den Anfang wie geschaffen und so passierte es, ohne es zu ahnen, daß das Subjektive zum
Gemeinschaftlichen wird, das Gedachte zum Gesprochenen, das Empfundene zum Geteilten. |
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Die ersten Schritte - nun nicht im Tal enlang, sondern der Steigung bergauf folgend - haben doch etwas erhabenes an sich. Sie unterliegen
einen eigenen, neuen, an sich überraschenden Rhythmus. Von der Chocholowska gingen wir zuerst einer gleichmäßigen Steigung zum Bobrowiecka Paß hinauf, wo man auf den slowakischen, blauen Wanderweg, welcher auf den Bobrovec führt,
trifft. Dieser Weg war gesperrt, so daß wir den steilen Anstieg zum Grzes in Angriff nahmen. Von da oben eröffnet sich eine prächtige Aussicht auf die gesamte Chocholowska und
sie begleitet uns bis zum Rako¥, wo zuerst die Umrisse eines Bergkamms deutlich werden, den zu folgen nur ein Vergnügen ist. Hier eröffnet sich zusätzlich eine wahrlich atemberaubende Panorama auf die Rohacka Dolina, welche
auf der slowakischen Seite gelegen, vor allem ihrer Seen wegen berühmt ist. Darüber erhebt sich das dominante Massiv des Rohac, der wegen seiner
anspruchsvollen Kletterpartien berüchtigt ist und von passionierten Bergsteigern immer wieder zur ersten Herausforderung in den zerklüfteten Felslandschaft des Hochgebirges wird. Diesen Weg, der weiter immer am Grat entlang
verläuft, könnte man noch weit bis zum Starorobocianski Wierch folgen, für den ersten Tag aber, haben wir diese Tour unterhalb von Rako¥ unterbrochen und nachdem wir uns an der
Pracht dieser Landschaft saatgesehen haben, - und ich brauche wohl nicht zu betonen, daß der erste Blick auf das Gebirge immer zu den mächtigsten und ü
berwältigenden Eindrücken einer jeder Reise gehört - gingen wir über das Hohe Chocholowska Tal den steilen Weg zur Hütte zurück.Die Natur, die Landschaft sind doch phantastisch hier und mit jeden Höhenmeter erscheinen
sie schöner. Du wirst es selbst erleben können, wie sanft dein Gemüt mit ihrem Charme umhüllt wird. Alles geschieht ganz Natürlich und du wirst niemals darin so etwas wie eine List oder eine Prüfung vermuten. Und trotzdem. Die
ersten Tage, obgleich sie zu den ruhigsten und "normalsten" auf meiner ganzen Reise gehörten, erscheinen mir heute, wie die Zeit der Vorbereitung. So als wollten die Berge sehen mit welchem Hochmut oder Respekt ich ihnen
begegne. Passiv in ihrer Schönheit warteten sie meine erste Reaktion ab, prüften meine Kräfte und schon bald, ohne es im geringsten zu erahnen, sollte ich den Eingang zum Offenen Tal
passieren und weiteren, schwierigeren Proben unterzogen werden, als ich es mir je hätte vorstellen können. Der Gedanke aber, derartiges auf mich nehmen zu müssen war jedoch ganz fern, um nicht zu sagen, es gab ihn überhaupt noch nicht.
Seit der Zeit in der Chocholowska sollte noch viel passieren und ich hatte noch eine gehörige Portion an Kilometern zurückzulegen. So gehörte bereits die zweite Wanderung zu den schwierigsten, wo es darum ging die
Belastung meines Körpers und meines Willens auf die Probe zu stellen. Verstehe mich nicht falsch: die Strecke an sich war gar nicht so schwer, wie die Tatsache, daß ich in
die Berghütte in der Ornacza¥ska Dolina übersetzen wollte und daher mit vollen Rucksack unterwegs war. Somit nahm ich im wörtlichen Sinne des Wortes eine Last auf mich, der ich konditionell schlicht noch nicht gewachsen war. Die Anstrengung, welche dami
t verbunden war übertraf meine Vorstellung. Natürlich habe ich damit gerechnet, daß eine Rucksackwanderung schwieriger sein wird, als die vom Vortag, wo die
Beine einen nur so über die Berge trugen, aber der Unterschied war niederschmetternd. Zudem war es bei Leibe keine kurze Tour.Ich ging morgens zuerst mal zum Paß unterhalb von Wolowiec. Die Strecke kannte ich schon
vom Vortag, trotzdem fiel mir der Anstieg sehr schwer. Auf dem Wolowiec machte ich die erste Pause. Dann ging es wieder mal steil hinunter zum Paß. Die Wanderung an dem felsigen Rücken von Lopata verlief noch relativ angenehm,
zumal die erhöhte Konzentration etwaige Müdigkeit vergessen ließ, aber als ich anschließend den steilen Anstieg auf den Jarzabczy Wierch erblickte, war es als verließen mich alle Kräfte. Schritt für Schritt kroch ich dort hinauf:
schnaufend und jeden Gedanken geraubt, der anderes im Sinne hätte als den Gipfel. Oben traf ich dann den Leszek, der von der anderen Seite kam und sich wunderte, wo ich den bliebe. So entschloß er sich mir entgegenzukommen und auf
diese Weise etwas über mein Verbleiben in Erfahrung zu bringen. Wir blieben kurz auf dem Gipfel und bewunderten die einmalige Aussicht, mit welcher uns der Berg belohnte. Denn "belohnen" scheint hier das richtige Wort zu
sein angesichts der Mühsal, der er von uns abverlangte. Doch während manch ein Anstieg kein Ende zu nehmen scheint, so ist der Aufenthalt am Ziel der Mühe oft von kurzer Dauer. Wir mußten alsbald zügig wieder herunter, dann auf dem
benachbarten Konczysty wartete auf uns der Rest der Truppe. Jeder weißt dabei wie unangenehm das Warten sich gestalten kann, wenn der herbstliche Wind am Nachmittag seine winterlichen Vorboten über die Wipfel schickt, und das
Verharren am Ort und Stelle wenig Möglichkeit zum Aufwärmen bietet. Von diesen Warten galt es sie nun zu befreien und mit einem glücklichen Wiedersehen jegliche Sorge über meinem Schicksal zu vertreiben. |
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Nach einer kurzen Erholungspause angesichts einer der schönsten Panoramas, welche die West-Tatra den Augen eines Wanderers zu bieten gewillt
ist und in deren Blickfeld die Bergmassive des benachbarten Hochgebirges ihre Pracht ausbreiten, trennten sich unsere Wege. Irena, Leszek, Ewa und noch zwei weitere ihrer Bekannten, deren Gegenwart mir am Vorabend zum
Vergnügen wurde, gingen zurück zur Chocholowska über den Trzydniowianski und ich setzte mir in den Sinn, den Starorobocianski zu besteigen, was ja auch notwendig war, wollte ich die Hütte auf der Ornak erreichen. Auch hier war der
Anstieg nicht ganz ohne und der Abstieg forderte mit seiner unglaublichen Schroffheit die Beinmuskulatur ordentlich heraus. Ziemlich erschöpft kam ich am Paß an, doch die Wanderung war hier noch lange nicht zu Ende, was mich alles
andere als glücklich stimmte. Jetzt mußte ich noch das Massiv des Ornak überqueren, - das an sich nicht hoch aber dafür langgezogen ist, obgleich man den eigentlichen Gipfel auf einer Abkürzung unterhalb dieses schön umgehen kann -
eher ich in der Iwaniacka Przelecz ankam. Hier machte mir vor allem die Steilheit des Abstiegs zu schaffen. Ich habe gehofft, von der Iwaniacka bis zur Hütte an der Ornak wird es nur ein Spaziergang, hingegen wurden meine nun
verdammt müde Beine mit einer treppenartigen Passage traktiert. Die Intervalle zwischen den Pausen häuften sich und die Hütte kam mir unglaublich fern vor. So als wollten die Berge den letzten Tropfen Schweiß, den letzen Rest
Respekt aus mir herauspressen, so quälte mich jeder Schritt auf dem gefährlich glattem Steinpfad. Ich war fertig, ich war des Rests meines Hochmuts beraubt. Habe ich bis dato geglaubt den Bergen ungeachtet dessen, was mein Rücken
zu tragen hatte, die Stirn bitten zu könne, so mußte ich nun kleinlaut eingestehen, daß nur derjenige zum Äußersten gehen kann, der das Äußerste an Kraft und Kondition aufzubringen vermag. Ich war daher angesichts der Dämmerung
glücklich, angekommen zu sein. Der erste Blick auf die Hütte mobilisierte in mir die letzten Kräfte und eines sicheren Schrittes erreichte ich die Stufen meines nächsten Domizils. Meine Mühe wurde belohnt: die Atmosphäre im
"Ornak" ist einmalig und ich genoß jeden Augenblick dort. Leider kann man von dort nicht all zu viele Touren unternehmen, so blieb ich dort nur zwei Nächte.Doch gerade hier beginnt meine eigentliche
Geschichte, genau hier, an der Ornaczanska Polana verließ ich die Welt des Realen und wurde in den Strudel der weiteren Ereignisse gnadenlos hineingezogen. Höre mir jetzt gut zu, denn ab jetzt zählt jeder Schritt. |