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Oder war es, als der Bus die Straßen Kölns verließ? Ein letzter Blick auf den Dom, dann noch auf den Rhein, und raus in die Welt. Es war ein mulmiges
Gefühl. So als wollte ich gar nicht weg. So als könnte ich es mir nicht länger einreden, daß das Leben so eigentlich völlig gut läuft. Ich hörte noch die Stimmen in meinen Ohren klingen: "Uns geht es doch verdammt gut
hier!" Klar. Das stimmt. Gibt man sich ein Mal mit dem Erreichten zufrieden, verschließt die Augen vor den Herausforderung des Lebens, niestet sich gemütlich ein und verharrt im Stillstand, dann geht es einem "verdammt
gut hier". Es war nicht die Unzufriedenheit, oder eine plötzliche Depression. Nein, alles schien sich zu normalisieren: der letze Job lief gut, die Kasse stimmte, das Auto war generalüberholt... (Merkwürdig, wie egal mir das
alles jetzt ist, so als wäre es ein Leben eines Anderen. Wieder ein Mal.) Trotzdem stimmte irgend etwas nicht. Nein, ich konnte mich auf meinen Lorbeeren nicht ausruhen, ich spürte, daß ich zu neuen Ufern aufbrechen muß und das
einzige was mich zurückhielt, war eigentlich die Tatsache, daß ich den Eingang zu diesem neuen Weg nicht fand. Ich versuche mich des Gefühls zu entsinnen... Es könnte... Vielleicht... Es war die Gleichgültigkeit; ein Gefühl, das
mir ahnen ließ, daß das alles schon bald keinen Sinn, keine Bedeutung mehr haben wird. Ich mußte weiter, ich packte meine Sachen und folgte meiner inneren Stimme, ihrem Ruf. Nun, ist es wohl nicht zu bestreiten, daß es so gekommen
ist und wenn ich dich schon vorher auf eventuelle Gefahren aufmerksam machte, so habe ich vielleicht die wichtigste vergessen. Ich mag mich irren. Vielleicht ist es nur eine Vorahnung, vielleicht auch nicht... aber... wird mein
Leben ohne den Zauber des Erlebten mir dann noch als lebenswert erscheinen, wenn ich wieder zurückgekommen, es hier fortsetze? Eigentlich eine überflüssige Frage, denn diesen Zauber galt es zuerst einmal zu finden. Keine leichte
Aufgabe, aber ich bin es gewohnt, mit keinen leichten Aufgaben betreut zu werden. Manchmal ist es eben so: es gilt einen Fluß zu überqueren, wo keine Brücke und kein Steg dich auf die andere Seite führt. Du weißt nicht, was dich
dort erwartet. Es gibt allerdings nur eine Möglichkeit, das zu erfahren: du mußt gehen. Willst du dich mit dem Erreichten nicht zufriedengeben, so mußt du weiter. Das ist ein Gesetz des Lebens, das ist ein Gesetz des Weges.
Manchmal gibt es eben diese Augenblicke, in denen du alles gewinnen, aber auch alles verlieren kannst. Doch was gewinnst du, wenn du sie nicht wahrnimmst? Nichts. Was verlierst du, wenn du sie nicht wahrnimmst? Vielleicht
letztendlich doch alles. Vielleicht deshalb fühlte ich dieses Unbehagen als in dem Bus stieg, der mich nach Kraków trug, vielleicht war es eine Warnung! Ey, wie du siehst, ich weiß es wirklich nicht. Dennoch. Mit jeder Stunde, mit
jedem Kilometer entfernte ich mich von diesen Gedanken und mit der gleichen Geschwindigkeit – langsam genug, um es nicht wahrzunehmen, schleichend – verfiel ich in eine Stimmung, welche mir in den letzten Jahren irgendwie fremd
geworden war: der Weg trug mich dahin, das Leben öffnete mir einen Pfad und alles was zählte, war nur der Augenblick. Ja, selbst die Zukunft leitete sich einzig und allein aus diesem Augenblick ab. Es war ein gutes Gefühl. Es war
der Eingang, hinter dem sich ein Weg verbergen könnte, der wiederum zu einer Brücke führen würde. War der erste Schritt, ein Schritt ins Ungewisse, so sah ich schon beim zweiten das gegenüberliegende Ufer. Jetzt gab es kein zurück.
Das Leben ging weiter!Alles erschien einfach, kontrollierbar, irgendwie locker, und das sollte weiter nicht verwundern. Ich vermute, die meisten Menschen erwarten genau das, wenn sie eine Reise antreten und sie
schätzen sich wahrscheinlich glücklich, wenn das Schicksal ihnen diese Gemütslage zukommen läßt. Sollte das Schicksal jedoch aus irgend welchen erdenklichen Gründe dazu nicht in der Lage sein, dann gibt es noch die Reisebüros,
welche uns mit Vergnügen, gegen einen bescheidenen Obolus, in "die schönsten Gegenden diese Welt bringen, wo das Glück mit den Händen nur so zu greifen sei" zu transportieren verstehen. Wie du siehst, auch ich bin noch in
der Lage für alles erdenkliche eine handfeste Erklärung zu finden. Nichts ist ungewöhnlich, alles ist rational. Ja, es ist nichts ungewöhnliches daran, daß ich in dem Regionalbus von Kraków nach Zakopane
eingeschlafen bin. Ich gebe es ja zu: ich schlafe sonst nie im Bus ein, die ganze Nacht war ich auch genau deswegen wach. Aber... Ja und dann diese Stimmung in Zakopane selbst: irgendwie als wäre ich soeben kurz nach Kraków
einkaufen gefahren und schon war ich zurück. Ich meine stell dir das nur vor: ich mag Zakopane nicht. Diese Stadt am Fuße der Tatra ist stickig, laut. Sie liegt in einer Landsenke und ich habe ständig das Gefühl, es herrsche hier
nonstop eine Tiefdruckwetterlage. Abscheulich! Und sieh da: mir nichts dir nichts komme ich mir vor als sei ich hier zu Hause. Weißt du was ich meine: du kommst an einem herbstlichen Regentag nach Köln, Berlin, New York oder
was-weiß-ich-wo-du-zu-Hause-bist an, stellst den Kragen deiner Jacke hoch und gehst nach Hause. Genau so kam ich mir dort vor. Lächerlich war es schon, denn ich habe in Zakopane kein Zuhause. Mehr noch: ich kenne mich dort
eigentlich überhaupt nicht aus. Seit Jahren meide ich diese Stadt und selbst in meinen Erinnerungen fehlt es an Farbe, wenn ich an Zakopane denke. Und trotzdem. Du wirst sagen: "nun ja, Einbildung, du hattest eine
ermüdende Reise, hast eine Reisetablette eingenommen, du warst halt klein wenig benebelt". Mag schon sein. Aber dann in dem Bus zur Chocholowska-Tal, die kleine Episode mit der alten Frau. Es braucht jedes Mal eine
kleine Zeit der Eingewöhnung, um die Lebensumstände in anderen Ländern zu verstehen oder zumindest zu erahnen. Als der Lokalbus kam, schlug mein Herz gleich höher: die letzten Kilometer einer Busreise, noch wenige Minuten und der
Klang eines Dieselmotors wird nur eine dunkle Erinnerung werden, welcher sich zu erinnern nicht lohnt. Einige Leute stiegen mit ein; hauptsächlich Touristen. Ich stellte meinen Rucksack auf den Sitz neben mir und war über das
großzügige Platzangebot in einem doch sonst so engem und holprigen PKS (wie die Busse dort heißen) erfreut. Aber ich vergaß, daß es die erste Haltestelle war, die am Bahnhof, wo eben nur die Touris einsteigen. Es dauerte keine drei
Minuten, da war die Kiste gerammelt voll. Ich kam mir schon etwas aufgeblasen vor, denn die Sitzplätze wurden immer rarer und mein Rucksack besetzte weiterhin eines der besseren. Als an der nächsten Haltestelle eine alte Frau
zustieg, eine Einheimische, das erkannte ich an dem bunten Kopftuch und den melancholischen Gesichtszügen, welche vielen Menschen hier eigen sind, da stand ich auf und bot ich ihr mein Sitzplatz an. Ha. Ich kenne die eigentümliche
Freundlichkeit dieser Leute, ich sag's dir, ich mag sie! Sie hat natürlich abgelehnt; es sei nicht nötig, sie steige bald aus, etc. Ja, ja, die Frau war gut über 80 und wenn dir eine Góralin sagt, sie steige bald aus, so kannst du
dich darauf verlassen, daß sie fast bis zum Ende durchfährt. Ich blieb einfach hartnäckig. Sie setzte sich hin. Weißt du, ich glaube, die Leute hier haben es einfach gern, wenn man sich um sie kümmert und es einfach zeigt und deine
Fürsorge vergelten sie dir mit ihren. So bestand sie darauf, ich solle mich auf jeden Fall ebenfalls am Nebensitz niederlassen (was ich höflich ablehnte) oder doch zumindest meinen Rucksack sicher abstellen (was ich auch tat). Sie
fragte mich nach dem Ziel meiner Reise, nach deren Grund und Antrieb. Sie hörte mich an und wunderte sich über meinen Eifer - "denn es ist ja so weit und die Berge so hoch und windig ist es auch, hoffentlich regnet es
nicht" - aber als ich ihr meine Zuneigung zu der Landschaft erklärte, so begriff sie diese. Sie dachte zurück, mit etwas Einfühlungsvermögen konnte man es kurz in ihrem Gesicht erkennen. Sie dachte an ihre Jugend, an ihre
Schönheit, an all die Jahre, die ins Land gezogen sind und in ihren Augen blitzten Tränen auf. Sie erwähnte den Gott, der sie bald zu sich rufen wird, beklagte sich über das Alter und ich spürte, wie sehr sie ihrerseits an diesem
Leben, an dieser Landschaft, ja an diesem Gelächter und Gerede, das jetzt den Bus erfüllte, hängt. Ich glaube ich kann es nachvollziehen, obgleich das Meiste, was die Leute hier in ihren Herzen tragen, wird mir für immer verborgen
bleiben. Das Leben hier, ja sogar in diesem Augenblick, in diesem überfüllten Bus, war schlicht und einfach das Leben. Es war einfach da. Doch diese Reflexion, diese schlichte Wahrnehmung der mich umgebenden Lebendigkeit, darf
nicht über die offensichtliche Tatsache hinwegtäuschen, daß es vielleicht nur aus dieser entfernten, distanzierten Perspektive eines Unbeteiligten, eines Beobachters wahrnehmbar war; eine Perspektive, welche nie meiner Natur
entsprach und in die ich so oft gezwungen werde zu verharren. So, läßt sich auch diese flüchtige Begegnung als zufällig, sporadisch abtun, aber ich wäre ein Narr, wenn ich dem offensichtlich Natürlichen, das in diese Situation
aufkam, mit einer analytischen Rationalität begegnen würde, die der Bewegung einer menschlichen Seele nicht gerecht werden kann. Auch darin verläuft die Grenze, welche ein Großstadtmensch erst übertreten muß, um vieles klar zu
sehen und es auf irgend eine Weise zu verstehen. Am Eingang zum Chocholowska-Tal stieg ich aus. Ich war nicht allein. Außer mir stiegen noch vier Leute aus, die mir schon in Zakopane aufgefallen sind. "Schwarzer
Kater, Weißer Kater", Emir Kusturica's letzter Film faszinierte sie vollends. Ihr Gespräch darüber schnappte ich flüchtig auf. Und auch das kam mir merkwürdig vor, denn ich kannte den Film, wie alle Filme Kusturica's und ich sage
wohl nichts neues, wenn ich behaupte, daß seine Filme die anderen Filme sind, als die mit welchen man sonst im Alltag konfrontiert ist. Es ist die Stimmung seiner Bilder und die Unmittelbarkeit, mit welcher man dort einem Leben
begegnet, das sich deutlich jenseits unseres Umgangs und unserer Kultur bewegt, und trotzdem in sich so wirklich und plausibel ist. Die drei K's des zeitgenössischen Kinos durchschnitten Europa von Nord nach Süd, wie einen
Filmstreifen am Schneidetisch und markierten eine Linie zwischen zwei Welten: Kaurismäki im Norden, Kieslowski in der Mitte und Kusturica im Süden. Diese Linie verläuft genau hier. Ihr Lauf beginnt wahrscheinlich irgendwo östlich
von Narvik, geht dann Richtung Osten nach Rovaniemi, dann südwärts am Helsinki vorbei durch St. Peterburg, streift die Vororte von Warschau, folgt der Jura nach Kraków, fällt nach Zakopane rein und zieht weiter bis hin zur
Donaudelta. An dieser Grenze der beiden Welten stand ich nun, und es schien, daß ich der einzige bin, dem das bewußt war. Dann machte ich einen Schritt. Die Richtung war Süd. Jetzt gingen wir das Tal entlang, wobei
ich die anderen Ankömmlinge rasch hinter mir gelassen habe, denn ich spürte, wie sehr meine Beine nach der viel zu langen Busfahrt auf Bewegung erpicht waren. Es war erst früher Nachmittag und ich hatte eigentlich genug Zeit, um in
Ruhe die Berghütte auf der Polana Chocholowska zu erreichen. Ich wußte aber, daß ich 15 km Fußmarsch vor mir hatte und so beschleunigte ich den Schritt unweigerlich. Aber schon bald reichte mir dieses Tempo irgendwie nicht aus. So
als hätte ich einen plötzlichen Energieschub bekommen ging ich immer schneller und schneller. Dabei waren meine Schritte lang und gleichmäßig. Nicht, daß mich irgend welche Hektik ergriffen hätte, aber hin und wieder spürte ich
eine unwillkommene, befürchtete innere Spannung in mir aufkommen. Wie kurze Lichtblitze sah ich einige Stellen aus dem Talverlauf in eine andere Zeit versetzt. Déjà-vu's eines vergangenen Lebens gleich standen sie plötzlich
vor meinen Augen. Hin und wieder mußte ich diese auch kurz schließen, um diese Bilder, welcher in ihrer Schönheit schlicht zu schmerzhaft waren, zu verscheuchen. Auch das führte ich auf meine Ermüdung zurück. Dann hörten sie auf.
Unvermittelt. Ich beschritt die Grenze des Nationalparks, ich hörte meine Schritte und meinen Atem und merkte, wie ich in die Landschaft hineingezogen werde. Hinter mir blieb etwas zurück, aber ich wußte nicht mehr was es war. Das Gefühl wird auch dir nicht fremd sein. Du hast es bestimmt schon mal bemerkt, daß es Wege gibt, welche mit jedem Schritt, mit jeder Windung dich in der Gewißheit bestätigen, daß du sicher zum Ziel geführt wirst.
Jede Steigung scheint genau an der richtigen Stelle zu sein und keine der Kreuzungen ist so zweideutig, daß du womöglich den Weg verfehlen könntest. Der Pfad führt dich mit seinem natürlichen Lauf. Im Gegensatz dazu gibt es auch
Wege, welche eindeutig falsch und verwegen sind. Du erkennst sie an Kurven, die allen Erwartungen zum Trotz in eine falsche Richtung führen, an Gabelungen, die eines Wegweisers entbehren, und selbst die Aussichten, welche diese
bieten, reihen sich nicht in das Gesamtbild der Landschaft ein: entweder stimmt die Lichteinstrahlung nicht oder die Topographie ist in ihrem Wesen nicht schlüssig. Der Weg zur Polana Chocholowska weist aller
Merkmale eines wohlgewogen Pfades auf: er ist breit, reich an lichtdurchfluteten Schneisen und offenen Ausblicken auf die ansteigenden Bergmassen der ohnehin sehr freundlich anmutenden West-Tatra. Das Gestein ist hell. So einen Weg
geht man gern, denn er führt nicht nur den Schritt eines Wanderers sondern auch seine Gedanken und da kann es schon passieren, daß man diesen freien Lauf gewährt und sich selbst nach einer Weile in einer anderen Wirklichkeit
vorfindet, als sie noch vor einem Augenblick zu sein schien. Die Landschaft trägt einiges zu dieser Verwunderung bei, auch sie wandelt sich ständig; ein Berg grade eben vom Westen mit goldenem Licht der Hebstsonne übergossen sieht
von seiner Nordseite ganz anders aus und hat man sich an sein helles, freundliches Antlitz gewöhnt so kann es passieren, daß nach kurzer Zeit ein kalter, düsterer Blick auf deiner Schulter lastet. Wenn du dich dann noch umzudrehen
wagst, so merkst du, daß es der gleiche Berg ist, doch diesmal schreckt seine Physiognomie vor feindlichen Zügen nicht zurück, und somit bekommst du die Gewißheit, daß du den Weg in die einzig richtige Richtung gehst und der
Gedanke auf Umkehr kommt gar nicht erst auf. |