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Was hier beginnt, schon längst begonnen,
wo alles auf Erden  seinen Anfang nimmt.
Eile!
Des Lebens Zeit noch nicht zerronnen
Doch dessen Ende schon vorbestimmt.

Es fällt mir schwer mich zu erinnern, wo und wann alles begann. Nein, nicht weil ich es vielleicht vergessen hätte. Das ist es nicht. Ich kann einfach den Augenblick nicht erfassen, in dem ich der realen Welt entkam und den sonderbaren Gesetzen des Zaubers – des Irrsinns? des Wahnsinns? – zu folgen begann. Folgte ich diesen Gesetzen überhaupt? Ich habe doch die meiste Zeit hindurch versucht ihnen zu widerstehen!

Eigentlich war doch alles ganz normal, gewöhnlich, alltäglich. Oder nicht? Die Arbeit und das Leben hier, das alles hat mich müde gemacht. Das überrascht mich weiter nicht: ich habe hart gearbeitet, jeder Erfolg mußte hart erkämpft werden, ich war auf mich allein gestellt, wurde nicht selten enttäuscht und trotzdem machte ich weiter. Eigentlich kann ich stolz auf mich sein, denn nichts wurde mir geschenkt, nichts habe ich geerbt, nichts in den Schoß gelegt bekommen. Alles resultierte einzig und allein aus meiner Arbeit. Aber... nicht immer läuft es so, wie man sich es wünschte. Ach, was rede ich da: meistens läuft es doch daneben; meistens wird man vom Alltäglichen schnell eingeholt, es reicht nur ein Augenblick der Unaufmerksamkeit, eine kurze Ruhepause; noch bevor du deine Flügel zum Flug ausbreitest, werden sie, wenn du nicht aufpaßt schon gestutzt. Und wenn ich mir heute die Frage stelle, was hier eigentlich mehr verhext sei, der Traum oder der Alltag, so zögere ich, die Frage eindeutig zu Gunsten des Traums zu beantworten. Denn schon oft raufte ich mir die Haare, streckte die Arme zum Himmel und schrie: "Das darf doch nicht wahr sein! Hier geht es nicht mir rechten Dingen zu!" Meistens lag ich gar nicht so falsch daneben. In der Regel ging es nicht mir rechten Dingen zu. Ich hatte genug, mußte weg hier und ich wußte auch schon wohin ich gehen muß. Muß? Ja, es war, als riefe mir meine innere Stimme zu: "Du mußt in die Tatra!" Ein wenig verrückt war es schon; ich war seit Jahren nicht in der Tatra. Was sollte ich dort? Das letzte Mal ... Ja, das ist es. Das letzte Mal als ich dort war, war ich ein anderer Mensch. Völlig anders. Das vorletzte Mal genauso. Das davor... Ach, Mensch! Es ist schon Jahre her. Was wundere ich mich, daß ich inzwischen ein Anderer geworden bin, daß die Welt um mich herum Amokgelaufen ist und die Scherben dieses oder jenes Lebens schon längst von der Zeit zerfressen und vom Tempo des Alltags zersetzt worden sind. Gut so. Auf Scherben und Trümmern kann ein Mensch nicht ein Leben lang sein Dasein fristen. Und dennoch wußte ich, wohin ich zu fahren habe. Einfach so. War das dieser Augenblick?

Oder war es, als der Bus die Straßen Kölns verließ? Ein letzter Blick auf den Dom, dann noch auf den Rhein, und raus in die Welt. Es war ein mulmiges Gefühl. So als wollte ich gar nicht weg. So als könnte ich es mir nicht länger einreden, daß das Leben so eigentlich völlig gut läuft. Ich hörte noch die Stimmen in meinen Ohren klingen: "Uns geht es doch verdammt gut hier!" Klar. Das stimmt. Gibt man sich ein Mal mit dem Erreichten zufrieden, verschließt die Augen vor den Herausforderung des Lebens, niestet sich gemütlich ein und verharrt im Stillstand, dann geht es einem "verdammt gut hier". Es war nicht die Unzufriedenheit, oder eine plötzliche Depression. Nein, alles schien sich zu normalisieren: der letze Job lief gut, die Kasse stimmte, das Auto war generalüberholt... (Merkwürdig, wie egal mir das alles jetzt ist, so als wäre es ein Leben eines Anderen. Wieder ein Mal.) Trotzdem stimmte irgend etwas nicht. Nein, ich konnte mich auf meinen Lorbeeren nicht ausruhen, ich spürte, daß ich zu neuen Ufern aufbrechen muß und das einzige was mich zurückhielt, war eigentlich die Tatsache, daß ich den Eingang zu diesem neuen Weg nicht fand. Ich versuche mich des Gefühls zu entsinnen... Es könnte... Vielleicht... Es war die Gleichgültigkeit; ein Gefühl, das mir ahnen ließ, daß das alles schon bald keinen Sinn, keine Bedeutung mehr haben wird. Ich mußte weiter, ich packte meine Sachen und folgte meiner inneren Stimme, ihrem Ruf. Nun, ist es wohl nicht zu bestreiten, daß es so gekommen ist und wenn ich dich schon vorher auf eventuelle Gefahren aufmerksam machte, so habe ich vielleicht die wichtigste vergessen. Ich mag mich irren. Vielleicht ist es nur eine Vorahnung, vielleicht auch nicht... aber... wird mein Leben ohne den Zauber des Erlebten mir dann noch als lebenswert erscheinen, wenn ich wieder zurückgekommen, es hier fortsetze? Eigentlich eine überflüssige Frage, denn diesen Zauber galt es zuerst einmal zu finden. Keine leichte Aufgabe, aber ich bin es gewohnt, mit keinen leichten Aufgaben betreut zu werden. Manchmal ist es eben so: es gilt einen Fluß zu überqueren, wo keine Brücke und kein Steg dich auf die andere Seite führt. Du weißt nicht, was dich dort erwartet. Es gibt allerdings nur eine Möglichkeit, das zu erfahren: du mußt gehen. Willst du dich mit dem Erreichten nicht zufriedengeben, so mußt du weiter. Das ist ein Gesetz des Lebens, das ist ein Gesetz des Weges. Manchmal gibt es eben diese Augenblicke, in denen du alles gewinnen, aber auch alles verlieren kannst. Doch was gewinnst du, wenn du sie nicht wahrnimmst? Nichts. Was verlierst du, wenn du sie nicht wahrnimmst? Vielleicht letztendlich doch alles. Vielleicht deshalb fühlte ich dieses Unbehagen als in dem Bus stieg, der mich nach Kraków trug, vielleicht war es eine Warnung! Ey, wie du siehst, ich weiß es wirklich nicht. Dennoch. Mit jeder Stunde, mit jedem Kilometer entfernte ich mich von diesen Gedanken und mit der gleichen Geschwindigkeit – langsam genug, um es nicht wahrzunehmen, schleichend – verfiel ich in eine Stimmung, welche mir in den letzten Jahren irgendwie fremd geworden war: der Weg trug mich dahin, das Leben öffnete mir einen Pfad und alles was zählte, war nur der Augenblick. Ja, selbst die Zukunft leitete sich einzig und allein aus diesem Augenblick ab. Es war ein gutes Gefühl. Es war der Eingang, hinter dem sich ein Weg verbergen könnte, der wiederum zu einer Brücke führen würde. War der erste Schritt, ein Schritt ins Ungewisse, so sah ich schon beim zweiten das gegenüberliegende Ufer. Jetzt gab es kein zurück. Das Leben ging weiter!

Alles erschien einfach, kontrollierbar, irgendwie locker, und das sollte weiter nicht verwundern. Ich vermute, die meisten Menschen erwarten genau das, wenn sie eine Reise antreten und sie schätzen sich wahrscheinlich glücklich, wenn das Schicksal ihnen diese Gemütslage zukommen läßt. Sollte das Schicksal jedoch aus irgend welchen erdenklichen Gründe dazu nicht in der Lage sein, dann gibt es noch die Reisebüros, welche uns mit Vergnügen, gegen einen bescheidenen Obolus, in "die schönsten Gegenden diese Welt bringen, wo das Glück mit den Händen nur so zu greifen sei" zu transportieren verstehen. Wie du siehst, auch ich bin noch in der Lage für alles erdenkliche eine handfeste Erklärung zu finden. Nichts ist ungewöhnlich, alles ist rational.

Ja, es ist nichts ungewöhnliches daran, daß ich in dem Regionalbus von Kraków nach Zakopane eingeschlafen bin. Ich gebe es ja zu: ich schlafe sonst nie im Bus ein, die ganze Nacht war ich auch genau deswegen wach. Aber...  Ja und dann diese Stimmung in Zakopane selbst: irgendwie als wäre ich soeben kurz nach Kraków einkaufen gefahren und schon war ich zurück. Ich meine stell dir das nur vor: ich mag Zakopane nicht. Diese Stadt am Fuße der Tatra ist stickig, laut. Sie liegt in einer Landsenke und ich habe ständig das Gefühl, es herrsche hier nonstop eine Tiefdruckwetterlage. Abscheulich! Und sieh da: mir nichts dir nichts komme ich mir vor als sei ich hier zu Hause. Weißt du was ich meine: du kommst an einem herbstlichen Regentag nach Köln, Berlin, New York oder was-weiß-ich-wo-du-zu-Hause-bist an, stellst den Kragen deiner Jacke hoch und gehst nach Hause. Genau so kam ich mir dort vor. Lächerlich war es schon, denn ich habe in Zakopane kein Zuhause. Mehr noch: ich kenne mich dort eigentlich überhaupt nicht aus. Seit Jahren meide ich diese Stadt und selbst in meinen Erinnerungen fehlt es an Farbe, wenn ich an Zakopane denke. Und trotzdem.

Du wirst sagen: "nun ja, Einbildung, du hattest eine ermüdende Reise, hast eine Reisetablette eingenommen, du warst halt klein wenig benebelt". Mag schon sein. Aber dann in dem Bus zur Chocholowska-Tal, die kleine Episode mit der alten Frau.

Es braucht jedes Mal eine kleine Zeit der Eingewöhnung, um die Lebensumstände in anderen Ländern zu verstehen oder zumindest zu erahnen. Als der Lokalbus kam, schlug mein Herz gleich höher: die letzten Kilometer einer Busreise, noch wenige Minuten und der Klang eines Dieselmotors wird nur eine dunkle Erinnerung werden, welcher sich zu erinnern nicht lohnt. Einige Leute stiegen mit ein; hauptsächlich Touristen. Ich stellte meinen Rucksack auf den Sitz neben mir und war über das großzügige Platzangebot in einem doch sonst so engem und holprigen PKS (wie die Busse dort heißen) erfreut. Aber ich vergaß, daß es die erste Haltestelle war, die am Bahnhof, wo eben nur die Touris einsteigen. Es dauerte keine drei Minuten, da war die Kiste gerammelt voll. Ich kam mir schon etwas aufgeblasen vor, denn die Sitzplätze wurden immer rarer und mein Rucksack besetzte weiterhin eines der besseren. Als an der nächsten Haltestelle eine alte Frau zustieg, eine Einheimische, das erkannte ich an dem bunten Kopftuch und den melancholischen Gesichtszügen, welche vielen Menschen hier eigen sind, da stand ich auf und bot ich ihr mein Sitzplatz an. Ha. Ich kenne die eigentümliche Freundlichkeit dieser Leute, ich sag's dir, ich mag sie! Sie hat natürlich abgelehnt; es sei nicht nötig, sie steige bald aus, etc. Ja, ja, die Frau war gut über 80 und wenn dir eine Góralin sagt, sie steige bald aus, so kannst du dich darauf verlassen, daß sie fast bis zum Ende durchfährt. Ich blieb einfach hartnäckig. Sie setzte sich hin. Weißt du, ich glaube, die Leute hier haben es einfach gern, wenn man sich um sie kümmert und es einfach zeigt und deine Fürsorge vergelten sie dir mit ihren. So bestand sie darauf, ich solle mich auf jeden Fall ebenfalls am Nebensitz niederlassen (was ich höflich ablehnte) oder doch zumindest meinen Rucksack sicher abstellen (was ich auch tat). Sie fragte mich nach dem Ziel meiner Reise, nach deren Grund und Antrieb. Sie hörte mich an und wunderte sich über meinen Eifer - "denn es ist ja so weit und die Berge so hoch und windig ist es auch, hoffentlich regnet es nicht" - aber als ich ihr meine Zuneigung zu der Landschaft erklärte, so begriff sie diese. Sie dachte zurück, mit etwas Einfühlungsvermögen konnte man es kurz in ihrem Gesicht erkennen. Sie dachte an ihre Jugend, an ihre Schönheit, an all die Jahre, die ins Land gezogen sind und in ihren Augen blitzten Tränen auf. Sie erwähnte den Gott, der sie bald zu sich rufen wird, beklagte sich über das Alter und ich spürte, wie sehr sie ihrerseits an diesem Leben, an dieser Landschaft, ja an diesem Gelächter und Gerede, das jetzt den Bus erfüllte, hängt. Ich glaube ich kann es nachvollziehen, obgleich das Meiste, was die Leute hier in ihren Herzen tragen, wird mir für immer verborgen bleiben. Das Leben hier, ja sogar in diesem Augenblick, in diesem überfüllten Bus, war schlicht und einfach das Leben. Es war einfach da. Doch diese Reflexion, diese schlichte Wahrnehmung der mich umgebenden Lebendigkeit, darf nicht über die offensichtliche Tatsache hinwegtäuschen, daß es vielleicht nur aus dieser entfernten, distanzierten Perspektive eines Unbeteiligten, eines Beobachters wahrnehmbar war; eine Perspektive, welche nie meiner Natur entsprach und in die ich so oft gezwungen werde zu verharren. So, läßt sich auch diese flüchtige Begegnung als zufällig, sporadisch abtun, aber ich wäre ein Narr, wenn ich dem offensichtlich Natürlichen, das in diese Situation aufkam, mit einer analytischen Rationalität begegnen würde, die der Bewegung einer menschlichen Seele nicht gerecht werden kann. Auch darin verläuft die Grenze, welche ein Großstadtmensch erst übertreten muß, um vieles klar zu sehen und es auf irgend eine Weise zu verstehen.

Am Eingang zum Chocholowska-Tal stieg ich aus. Ich war nicht allein. Außer mir stiegen noch vier Leute aus, die mir schon in Zakopane aufgefallen sind. "Schwarzer Kater, Weißer Kater", Emir Kusturica's letzter Film faszinierte sie vollends. Ihr Gespräch darüber schnappte ich flüchtig auf. Und auch das kam mir merkwürdig vor, denn ich kannte den Film, wie alle Filme Kusturica's und ich sage wohl nichts neues, wenn ich behaupte, daß seine Filme die anderen Filme sind, als die mit welchen man sonst im Alltag konfrontiert ist. Es ist die Stimmung seiner Bilder und die Unmittelbarkeit, mit welcher man dort einem Leben begegnet, das sich deutlich jenseits unseres Umgangs und unserer Kultur bewegt, und trotzdem in sich so wirklich und plausibel ist. Die drei K's des zeitgenössischen Kinos durchschnitten Europa von Nord nach Süd, wie einen Filmstreifen am Schneidetisch und markierten eine Linie zwischen zwei Welten: Kaurismäki im Norden, Kieslowski in der Mitte und Kusturica im Süden. Diese Linie verläuft genau hier. Ihr Lauf beginnt wahrscheinlich irgendwo östlich von Narvik, geht dann Richtung Osten nach Rovaniemi, dann südwärts am Helsinki vorbei durch St. Peterburg, streift die Vororte von Warschau, folgt der Jura nach Kraków, fällt nach Zakopane rein und zieht weiter bis hin zur Donaudelta. An dieser Grenze der beiden Welten stand ich nun, und es schien, daß ich der einzige bin, dem das bewußt war. Dann machte ich einen Schritt. Die Richtung war Süd.

Jetzt gingen wir das Tal entlang, wobei ich die anderen Ankömmlinge rasch hinter mir gelassen habe, denn ich spürte, wie sehr meine Beine nach der viel zu langen Busfahrt auf Bewegung erpicht waren. Es war erst früher Nachmittag und ich hatte eigentlich genug Zeit, um in Ruhe die Berghütte auf der Polana Chocholowska zu erreichen. Ich wußte aber, daß ich 15 km Fußmarsch vor mir hatte und so beschleunigte ich den Schritt unweigerlich. Aber schon bald reichte mir dieses Tempo irgendwie nicht aus. So als hätte ich einen plötzlichen Energieschub bekommen ging ich immer schneller und schneller. Dabei waren meine Schritte lang und gleichmäßig. Nicht, daß mich irgend welche Hektik ergriffen hätte, aber hin und wieder spürte ich eine unwillkommene, befürchtete innere Spannung in mir aufkommen. Wie kurze Lichtblitze sah ich einige Stellen aus dem Talverlauf in eine andere Zeit versetzt. Déjà-vu's  eines vergangenen Lebens gleich standen sie plötzlich vor meinen Augen. Hin und wieder mußte ich diese auch kurz schließen, um diese Bilder, welcher in ihrer Schönheit schlicht zu schmerzhaft waren, zu verscheuchen. Auch das führte ich auf meine Ermüdung zurück. Dann hörten sie auf. Unvermittelt. Ich beschritt die Grenze des Nationalparks, ich hörte meine Schritte und meinen Atem und merkte, wie ich in die Landschaft hineingezogen werde. Hinter mir blieb etwas zurück, aber ich wußte nicht mehr was es war.

Das Gefühl wird auch dir nicht fremd sein. Du hast es bestimmt schon mal bemerkt, daß es Wege gibt, welche mit jedem Schritt, mit jeder Windung dich in der Gewißheit bestätigen, daß du sicher zum Ziel geführt wirst. Jede Steigung scheint genau an der richtigen Stelle zu sein und keine der Kreuzungen ist so zweideutig, daß du womöglich den Weg verfehlen könntest. Der Pfad führt dich mit seinem natürlichen Lauf. Im Gegensatz dazu gibt es auch Wege, welche eindeutig falsch und verwegen sind. Du erkennst sie an Kurven, die allen Erwartungen zum Trotz in eine falsche Richtung führen, an Gabelungen, die eines Wegweisers entbehren, und selbst die Aussichten, welche diese bieten, reihen sich nicht in das Gesamtbild der Landschaft ein: entweder stimmt die Lichteinstrahlung nicht oder die Topographie ist in ihrem Wesen  nicht schlüssig.

Der Weg zur Polana Chocholowska weist aller Merkmale eines wohlgewogen Pfades auf: er ist breit, reich an lichtdurchfluteten Schneisen und offenen Ausblicken auf die ansteigenden Bergmassen der ohnehin sehr freundlich anmutenden West-Tatra. Das Gestein ist hell. So einen Weg geht man gern, denn er führt nicht nur den Schritt eines Wanderers sondern auch seine Gedanken und da kann es schon passieren, daß man diesen freien Lauf gewährt und sich selbst nach einer Weile in einer anderen Wirklichkeit vorfindet, als sie noch vor einem Augenblick zu sein schien. Die Landschaft trägt einiges zu dieser Verwunderung bei, auch sie wandelt sich ständig; ein Berg grade eben vom Westen mit goldenem Licht der Hebstsonne übergossen sieht von seiner Nordseite ganz anders aus und hat man sich an sein helles, freundliches Antlitz gewöhnt so kann es passieren, daß nach kurzer Zeit ein kalter, düsterer Blick auf deiner Schulter lastet. Wenn du dich dann noch umzudrehen wagst, so merkst du, daß es der gleiche Berg ist, doch diesmal schreckt seine Physiognomie vor feindlichen Zügen nicht zurück, und somit bekommst du die Gewißheit, daß du den Weg in die einzig richtige Richtung gehst und der Gedanke auf Umkehr kommt gar nicht erst auf.

Der Zauber eines Weges zieht viele Menschen an. Oft begegnet man in den Tälern der Tatra – vor allem den etwas abseits, in den ruhigen Ausläufen des westlichen Teils liegenden Tälern der Koscieliska und der Chocholowska – einheimischen Familien, die der Symbolik des Weges ihren Tribut zollen, indem sie am Tage der Hochzeit oder

 der Taufe einige Schritte ins Tal gehen, um die Magie einer guten Führung in die Zukunft auf sich wirken zu lassen. Es ist immer ein schöner Anblick, wie sie in ihre bunten Trachten durch das Tal stolzieren und man kann diese Leute nur beneiden, daß die in dieser Kultur und Natur wirklich zu Hause sind.

Unsereinem bleibt da nur ein kurzer Aufenthalt in dieser Welt und glücklich der, welcher die Sprache dieser Landschaft versteht und ihr einen gebührenden Platz im seinem Herzen einräumt. Dann passiert es eben, daß Vieles hinter uns zurückbleibt, daß die Last des Alltags uns von der Schulter gleitet und das Jetzt immer dominanter wird mit all dem sonderbaren Fluidum der Träume. Doch auch das braucht seine Zeit, und als ich die ersten Kilometer meiner Reise zurücklegte, wagte ich noch gar nicht zu träumen; dazu waren die Nüchternheit und die mir in den letzten Jahren eingeimpfte Vernunft zu mächtig, als daß ich über die Grenze einer schlichten Erwartung hinauszugehen gewagt hätte, mich treiben ließe. Aber vielleicht gehörte auch das zu dem ganzen mir bevorstehenden Wunder, zu dieser Phantasmagorie, welche schon bald mein Leben verändern sollte.

Die ganze Aura dieser Augenblicke läßt sich wahrlich nur schwer wiedergeben. Zu unterschiedlich und zu vielfältig waren die Eindrücke, welche einem mit jedem Moment begegneten. Da war der Klang der Schritte hinter mir. Wie ich schon sagte, ging ich einen recht raschen Schrittes voran und so verwunderte es mich sehr, daß eine kleine Gruppe Studenten in einem konstantem Abstand von ca. 10 m hinter mir herging. Ich wollte etwas Distanz gewinnen aber es gelang mir nicht sie abzuschütten. Ich beschleunigte immer mehr und mehr und wenn ich alsbald merkte, daß ich meinen Schritt noch weiter setzen könnte, so tat ich das unverzüglich. Alles um sonst. 10 Meter und basta! Paar Mal mußte ich mich wirklich umdrehen, weil ich die Entfernung dem Klang nach nicht einschätzen konnte und obwohl es keinen triftigen Grund gab schneller zu gehen, so tat mein Körper dies völlig von selbst. Eigenartig war nur, daß so wie es keine Veranlassung gegeben hat schneller zu gehen, um so mehr gab es keine, diesem Tempo zu folgen. Trotzdem kam es mir vor, als säße mir die Gruppe in einer grundlosen Verbissenheit auf den Fersen. So raste ich durch das Tal, an den Felsen vorbei, rauschende Bäche überquerend, bis zu dem Augenblick, als ich die Alm an der Polana Chocholowska erreichte und da wie angewurzelt stehen blieb.

Plötzlich, ohne Vorwarnung spürte ich auf der rechten Seite einen durchbohrenden Blick auf mich gerichtet. Ich fühlte mich beobachtet, doch wußte nicht von wem. Es war niemand da. Ich hörte, wie die Schritte hinter mir näher kamen. Zehn Meter, sieben, jetzt waren es höchsten fünf; ich mußte jetzt weiter oder ich bliebe zurück. Auch dies ein unbegründeter Gedanke. Da schaute ich die Alm hinauf. Da standen sie: die Mönche von Chocholów.

Eigentlich handelt es sich dabei um eine unscheinbare Felsformation und für solche habe ich sie immer gehalten. Ich gebe zu, daß ich in meinen Kindesjahren gehörigen Respekt vor den Anblick dieser Felsen hatte, insbesondere wenn sie im Mondschein mit ihren Konturen und Schatten ein merkwürdiges Spiel der Täuschung mir dem Menschen trieben. Nun standen sie da, von der Abendsonne angestrahlt und schauten mich an, steinig und beständig, wie es eben nur Felsen vermögen; ich war mir ihres Blickes sicher, obgleich ich alles tat, um der Absurdität dieser Situation nicht zu erliegen. Doch jetzo sehe ich diese Steine mit anderen Augen. Die Legende dieser Felsen wird noch bis heute erzählt und sie berichtet von Gestalten, welche hier am äußersten Rand der polnischen Tatra den Eingang zu dem geheimnisvollen Offenen Tal zu bewachen hatten. Ihre Aufgabe war nicht einfach, denn - wie der Name schon sagt - das Offene Tal steht allen offen, und was offen, das zu beschützen Ungewöhnliches erfordert. Gerade dies sagte man deren Zauberkräften nach, "welche nicht von dieser Welt" - so die Sage. Doch dies ist nicht so: das Chocholowska Tal steht allen offen, aber das Offene Tal ist angeblich etwas anderes. Eine Art verstecktes Portal in etwas, was die Górale Kraina nennen und was so viel heißt, wie "das Land". Niemand wußte genau zu sagen, wo dieser Eingang wirklich sei, und was es mit dieser Kraina auf sich habe. Überhaupt schien ein Mantel der Verschwiegenheit über alles zu liegen, was mit der Kraina zu tun hatte. Man sprach nicht gern darüber. Etwas stimmte da nicht. Menschen sollen da verlorengegangen sein, Wesen sollen dort zu Hause sein, deren Namen niemand auszusprechen wagt. Selbst der Name Kraina, wenn mal ausgesprochen, so nur im Flüsterton, als gelte es nichts herbeizuschwören, war von großer Macht und Würde. Ich vermutete sie am Fuße des Giewont, da dort die schlafenden Ritter hausen, aber in dem Augenblick als ich die Mönche sah und mir diese Sage vor Augen führte, verstand ich, daß der Eingang hier sein muß: in der Chocholowska. Alles paßte zusammen, so wie man die ersten zwei Teile eines Puzzle zusammensteckt. Das Offene Tal ist die Chocholowska, denn welchen Sinn hätte es sonst haben können, daß die Mönche nicht hier diesen Eingang schützten? Und es war (ist?) doch ihre Aufgabe, diejenigen auszusuchen, welchen der Eingang in die Kraina geöffnet werden sollte! Doch... sollte das etwa heißen, daß... Wie kam ich überhaupt zu dieser Sage, welche ich seit Jahrzehnten nicht mehr vernommen? Habe ich sie überhaupt schon mal gehört oder...?

Nein, so hochmütig war ich da nicht, daß ich mich als den Auserwählten einer alten Volksmähre sehen würde. I wo, alles nur Humbug. Ich war müde. Plötzlich merkte ich, daß das hohe Tempo mich erschöpfte und das Abendlicht blendete meine schlaflosen Augen. Ich sah schon die Berghütte und deren Anblick erfüllte mich mir Freude: endlich angekommen, endlich zu Hause!