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Die erste Flocke berührte meine Wange und ich sah, wie Wera und ich die Berghütte verlassen. Schon wieder ereilte mich diese schrille Feedbackschleife, aber diesmal nur ganz kurz,
impulsartig, denn schon in diesem Augenblick spürte ich in meinem Gesicht die nächste Schneeflocke. Ich sah Kinder vor der Hütte spielen. Schneebälle flogen herum und die Kids hatten so viel Spaß daran, sich im Schnee
herumzuwälzen, daß man sie nur darum beneiden konnte. Schlitten? Nein kein Schlitten der Marke "Rothbud" war breit und weit zu sehen. Anscheinend sind die Kinder von dem Wintereinbruch genauso überrascht worden wie wir es
waren. Jeder ist von dem Schnee überrascht worden. Noch gestern abend saßen die Kinder, welche einer internationalen Jugendgruppe angehörten, mehr oder weniger gelangweilt im Speisesaal und hörten den Lawinenwarnungen eines
geschulten Bergwächters zu, ohne so recht nachvollziehen zu können, wovon der Mensch da sprach. Lawinen? Schnee? Gestern haben sie noch darüber geschmunzelt. Heute hat es am Morgen auch ihnen zuerst den Atem verschlagen und dann
waren sie mit ihrer Freude nicht mehr zu bremsen. Schon glich die weite, offenen Wiese vor der Hütte einem weißen Schlachtfeld. Der erste Schnee ist immer unwiderstehlich. Ein weiteres kühles Flöckchen blieb auf
meinem kalten Gesicht haften. Wir gingen zum Talausgang hinunter. Am Pfad des Doofen Johann
war alles im Weiß gekleidet, die pittoresken Zweige der Kiefergewächse neigten sich unter der schweren Last der Zeit; hin und wieder fiel eine große, weiße Mütze von Erinnerungen dumpf zum Boden herunter. Pfuff! Vorsichtig bahnten wir uns den Weg durch die Schneemaßen.
Indessen merkte ich, wie kühl meine Haut geworden ist. Die Schneeflocken, welche in meinem Gesicht einen Halt inmitten ihrer verwirrten Flugbahn fanden, schmolzen nicht sogleich, sondern blieben immer länger liegen
und meine Erinnerungen, welche nun zu Visionen geworden, wurden immer länger und klarer. Ich konnte immer deutlicher Weras Silhouette vor mir sehen, aber trotz aller Klarheit meines Blickes, merkte ich, wie ihre Gestalt irgendwie
kleiner wurde, und als sie sich umdrehte und mir zulächelte, sah ich, daß unter dem leichten Schleier ihres Lächeln etwas verborgen lag, etwas schweres, unhaltbares. Die nächsten Flocken schmolzen nicht mehr, sondern
blieben aufeinander liegen und jeder Augenblick, der in sich fortzudauern schien wurde von einem anderem sogleich überlagert. So verließen wir langsam die Schneefallgrenze, leichter Nieselregen prasselte geräuschlos auf uns
herunter. Und nun, mit dem Rücken den Bergen abgewandt hörte ich Weras Worte: "Weißt du, es gibt nicht viele von uns hier. Eigentlich gibt es nur mich und ich fragte mich die ganze Ewigkeit hindurch, welche Rolle mir
zufallen sollte, jetzt, da alles dem Ende entgegenschreitet. Du mußt wissen, daß es von uns zwei Sorten im Weißen Tal
gibt. Du kennst das sicherlich, denn die Welt der Märchen wird dir nicht unbekannt sein, und somit weißt du, daß das Gute, wenn es weibliche Gestalt anzunehmen gewillt ist, nur die einer Prinzessin oder die einer Fee annimmt. Noch bis gestern wußte ich nicht, welche der beiden Gestalten die meinige sei, denn als ich das Licht dieser Welt in den Winden und der Sonne der
Roten Gipfel erblickte, so glaubte ich eine Fee zu sein, und die Aufgabe, dich, mein Liebster, in des Weiße Tal zu führen wurde mir zur Ehre. Aber dann..." "Nein, Wera," - unterbrach ich ihr hastig,
denn ich spürte wieviel Wahrheit ihren Worten entspringt und gleichzeitig merkte ich, wie sehr ich diese nicht wahrhaben wollte - "du bist sicherlich eine Prinzessin, bedenke nur was in den letzten Tagen alles geschah, und
wie..." "Unterbreche mir nicht, bitte, höre mir weiter zu. Ich wünschte, du hättest recht, denn so könnte ich mit dir im Tal bleiben und diese ganze Geschichte würde dann mit den Worten enden, welche ihr
würdig gewesen wären. Weißt du? < ... und dann lebten sie lange und zufrieden; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.> Du kennst die Worte, nicht wahr?" Ich schwieg.
"Ja, ich wünschte es mir so sehr. Und in der Tat, als ich sah, wie du im Grenzlande gegen die Schachzüge der Welten ankämpftest, als ich sah mit welche Bravour du die Klettersteige
bezwangst und wie standhaft du dich der Probe der Winde und des Vertrauens widersetztest, so hoffte ich aufs Innigste, das Schicksal würde sich mir gnädig erweisen, dich zu meinen Ritter zu machen, welcher mich aus dieser
Burg der Erinnerungen
befreit." - sprach sie mit einer leichten, schon sichtlich kontrollierten Stimme. Ich sah, wieviel Anstrengung es sie gekostet hat, sie hörbar zu machen. Aber dennoch - im Augenblick, wo eine weitere Flocke sich auf meinem Gesicht setzte - erwiderte ich:
"Aber das bist du doch, du siehst: unser Weg geht weiter." - ich hörte meine Worte, und sie klangen banal. Ich hörte sie und wußte, daß dies nicht die Wahrheit sei. "Nein, geht er nicht, und du weißt
es. Ich habe mich gern meiner Leidenschaft für dich hingegeben, ich habe gern meinen Blick abgewendet, als du dem Halny unterhalb des Tores der Winde befahlst die Pforten
zu schließen. Mit Bewunderung sah ich, mit welcher Ehrfurcht die Mgla und die Siklawa, zwei unserer größten Herrscherinnen, dir ihre Ergebenheit zeigten. Und mit jedem Augenblick sah ich meine Aufgabe darin, dich auf
dem Pfad des Guten
zu halten, obgleich ich oft vor deiner Macht erzitterte. Und trotzdem flehte ich darum, du wärest wirklich ein Prinz und ich eine Prinzessin, und wir würden den Bann des Zaubers brechen und für immer..." Mein kalter,
felsiger Körper wurde jetzt von einer dicken Schneedecke bedeckt und Eiskristalle, welche auf der Oberfläche zum Liegen kamen, vermittelten immer undeutlicher die Zeit. "...zusammen bleiben. Aber dann, als du das
Weiße Tal herbeigerufen hast, wußte ich mit Gewißheit, daß du nun doch ein Zauberer bist, daß du das Weiße Tal
nie verlassen wirst, daß dein Körper bald einst mit dem Tal wird und... daß ich bald nicht sein werde." "Trotzdem könnten wir doch..." "Ach komm, hast du schon mal in einem Märchen gelesen, daß ein
Zauberer eine Fee heiratet? Das geht doch gar nicht." – sie lachte, aber ihr Lachen klang nicht lustig, er kaschierte nur die Trauer. "Wieso sollte es nicht gehen? Es müßte doch möglich sein, daß... Nun, ja..." -
grübelte ich, aber ich fand keine Antwort. "Siehst du? Weiß du überhaupt, was mit uns, Feen, passiert. Ich meine am Ende jedes Märchens?" "Ich gebe zu, ich habe noch nie so richtig darüber nachgedacht. Also...
die meisten..." - suchte ich mit kurzen Sprechpausen meine Gedanken zu sammeln und vielleicht doch noch einen Ausweg aus dieser Zwickmühle zu finden. "Die meisten?" - sagte Wera mit einem leichten Anflug von
Zynismus in der Stimme, den ich schon früher mal bei ihr hören zu bekommen glaubte. - "Alle." "Alle?" "Alle. Wir verschwinden. Klar in den Märchen sieht das alles so toll aus: die Dichter denken sich
weiße Wölkchen aus, Sternchen fliegen in der Luft herum, und dann schwupp!, die Fee ist weg. Die Wahrheit ist, wir verschwinden einfach, wir lösen uns in der Luft auf." Ja, sie hatte Recht. Ich schaute sie an und sah, wie
blaß ihr Gesicht geworden ist. Hier und dort wurde es noch von gesunder Röte umgeben, aber ich wußte, daß es die Anstrengung war, mit welcher sie ihre Worte hervorbrachte, welche nun noch leiser geworden sind. Sie klangen schon
beinahe luftig und jede, auch nur die leichteste Brise, trug sie davon. "Aber ist doch Unsinn!" - sagte ich leicht verärgert, denn nun wurde ich richtig sauer darüber, daß ich keinen Ausweg fand, daß ich die
Schneeflocken von meinem Gesicht nicht abschütten konnte und die weiteren, welche liegen blieben, trieben diese Geschichte gnadenlos voran. "Du siehst doch, daß wir weiter zusammen sind, und alles gut geht. Selbst wenn ich,
wie du sagst, ein Zauberer, oder sonst irgend ein Halunke sein sollte, wer sagt, daß ich meinen Zauber auch außerhalb der Berge nicht walten lassen kann?" "Ja? Glaubst du? Siehst du nicht, daß du außerhalb des Tals
nicht existierst? Siehst du nicht, daß ich nicht bei dir oben geblieben bin, daß ich meiner Aufgabe untreu geworden, nur um deine Gedanken ins Flachland zu begleiten? Für mich spielt es keine Rolle mehr, denn verschwinden werde ich so oder so, aber jetzt kann ich dich wenigstens in deinen Gedanken begleiten, wenigstens bis zum Einbruch der Abenddämmerung..."
Schön gemütlich ist es unter der Schneedecke geworden. Ich spürte keine Kälte mehr, die Zeit wärmte meine Füße und auch mein Herz schien wärmer zu sein; zumindest so warm, daß das Eis, das mich umgab ebenfalls als warm empfunden
wurde. Ich wurde schläfrig, ich sah, wie wir die Tatra verlassen. Mit einem kleinen überfüllten Bus fuhren wir an der Lysa Polana vorbei in Richtung Bukowina Tatrzanska. Dort lag noch kein Schnee, aber das machte mir nichts aus,
denn das Flöckchen mit der Zeit, als Bukowina damals unter einer dicken Schneedecke lag, ruhte direkt neben meinem Herzen. Weras leichter Körper drückte sich an mich heran, ihr Kopf ruhte an meiner Schulter. Sie schlief. Ich machte
meine Augen zu und sah eine verregnete Stadt. Irgend jemand sang ein altes Lied einer Band welche den Namen "Unter der Scheune" trug. Die Tropfen prasselten auf dem Asphalt, flossen an den Windschutzscheiben der Autos
herunter, welche versuchten mit der roboterartigen, monotonen Wischarmbewegung, einem nie müde werdenden Sisyphos gleich, das Naß abzuschütten. Zwecklos. Neue kamen sofort nach. Wir fanden ein Restaurant. Aßen gut und
tranken einen jungen, unausgewogenen und aggressiven Charonnay ohne Herkunftsbezeichnung. Am Abend, kurz vor der Dämmerung, betrat ich ein gut beheiztes Eisenbahnabteil. Ich riß das Fenster auf und schaute zur Wera, welche auf dem
Bahnsteig geblieben, ihren Blick zum Fenster emporhob. Kleiner ist sie geworden und durchsichtiger. Ihre Stimme verlor den Klang, ich hörte sie nicht, nur aus der Bewegung ihrer Lippen und der schwindenden Kraft ihrer Gedanken
konnte ich ihre letzten Worte noch erkennen: "Dein Herz," - sagte sie, - "höre auf dein Herz." Der Zug fuhr los; ich sah wie die Wera immer kleiner wurde, immer kleiner und noch kleiner, bis sie
schließlich verschwand. Die Landschaft vor den Fenstern des rasenden Zuges war nur durch vereinzelte Lichter irgendwelcher Behausungen wahrzunehmen. Ich schloß das Fenster, doch das einzige, was ich erkennen konnte, war mein
eigenes Spiegelbild: eine schneebedeckte Felswand aus schwarzen Granit, in sich ruhend, in sich vertrauend, außerhalb der Zeit, im Hier und im Jetzt für ewig fortdauernd. Ich schlief ein. Die Straßen wandten sich durch weite
Landschaften, passierten Städte und Dörfer, folgten weiten Schneisen, mündeten im Strom der Autobahnen. Plötzlich hörte ich jemanden sagen: "Mensch! Da bist du ja! Erzähl doch mal, wie war's?"
Und dann hörte ich in der Ferne, ganz weit und schwach, eine dumpfe Stimme sagen:
" Sag mal, mein Freund, glaubst du eigentlich an Märchen?" |