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    Der letzte Wunsch ist nicht von der Art der Träume,
    und er erfüllt dein Herz nicht das letzte Mal,
    achte nur, daß du ihn nun nicht versäume
    Nun betrittst du das Allerhöchste,
    ...das Weiße Tal.

 

Ich wollte nicht weg. Wer wollte es schon, nachdem all das geschehen? Jetzt ging es uns gut, und zwar richtig gut und nichts wies darauf hin, daß es irgendwann mal besser werden könnte. Wir lagen von der dichtesten Dunkelheit einer sternenlosen Nacht umhüllt, nur unserem Tastsinn ausgeliefert und tauschten unsere Gedanken aus. Stimmlos.

"Du willst nicht gehen, nicht wahr?" - sagte Wera, als gelte es nun das Thema zu berühren, welchem wir so bemüht waren, zu entkommen.
"Nein, will ich nicht. Du etwa?"
"Nein, aber es geht nicht anders. Ich muß gehen." - flüsterte sie.
"Wieso sollte es nicht anders gehen? Bisher reiche es nur, es sich zu wünschen, und..."
"Dann wünsche es dir, mein Liebster, wünsche es dir aus ganzem Herzen." - sagte sie und ich glaubte aus ihrer Stimme, welche jetzt noch zerbrechlicher klang als sonst, etwas herauszuhören, was mir neu war. War es Schmerz? War es Trauer? War es die Hoffnung, die letzte Hoffnung?
"Das tue ich und du wirst es sehen: morgen, sobald wir aufwachen, wird das ganze Tal unter einer dicken Schneedecke liegen, weiß soweit das Auge reicht. Niemand kommt hier zu uns herauf und niemand kommt herunter. Weder du, noch ich, noch irgend jemand" - sagte ich jeden Zweifel unterdrückend, so daß ich anfing an diesem Wunsch richtig Gefallen zu finden.
Ich spürte in meinem Herzen ihr Lächeln und hörte sie sagen:
"Ja, das wäre schön. Vielleicht bist du wirklich ein Zauberer."

Zauberer? Merkwürdig neu kam mir dieses Wort vor. Da bin ich seit Tagen in der Kraina unterwegs und das gewöhnlichste aller Worte begegnet mir erst am Ende? Merkwürdig. Aber am nächsten Tag sollte alles anders werden und so begann ich irgendwann auch über diese "Merkwürdigkeit" nachzudenken.

Zauberer. Nach einer langen, schlaflosen Nacht kam - oder viel mehr brach über uns herein - ein plötzlicher und greller Morgen. Ich hielt meine Augen noch geschlossen, so wußte ich nicht, ob ich noch träume oder schon wache.

"Schnee! Verdammt viel Schnee!", hörte ich eine Stimme rufen, welche wohl selbst nicht wußte, ob sie jubeln oder verzweifeln soll. Ich machte meine Augen langsam auf und sah in diesem silbernen Lichtschein Weras Gesicht. Sie hatte sich leicht aufgerichtet, auf ihrem Ellenbogen gestützt und schaute voll Verwunderung zum Fenster, dann wand sie sich mir zu und als hätte es ihr die Sprache verschlagen, lachte sie.

"Du bist es!" - rief sie. "Ich glaub's nicht, du bist es wirklich!"

Etwas verlegen erwiderte ich ihre Umarmung, immer noch damit beschäftigt, zu verstehen was hier eigentlich vor sich ging. Aber langsam, irgendwo zwischen dem Traum und dem Wachen, glaubte ich alles zu verstehen. Wahrscheinlich hätte ich in diesem Augenblick wirklich alles geglaubt zu verstehen; einfach der Ruhe willen, welche notwendig gewesen wäre, um die Gedanken zu sammeln. Trotzdem gelang es mir nicht einen Gedanken zu Ende zu spinnen. Immer weiter kam ich von einem auf den nächsten und immer dann, wenn ich der Antwort schon sehr nah zu sein glaubte, löste sich der Gedanke auf und warf einen neuen auf. Ich versuchte es trotzdem von vorne: Schnee, viel Schnee, aber...

Nein, es war nicht die Aufgabe des Schnees, uns hier festzuhalten. Das wußte ich bestimmt. Da habe ich ein Gespür dafür, und meine innere Stimme erwähnte den Schnee nicht, seine gewohnte feuchte Kühle war nicht in der Luft zu spüren, genauso wenig wie das damit verbundene Geruch der Kohleheizung, das ich sofort mit einem Wintereinbruch in der Tatra in Verbindung gebrachte hätte. Es war etwas anderes. Der Schnee war die Offenbarung. Ja, aus dem grellen Licht der Stube stürzte auf mich dieses Wort nieder: Offenbarung, ein Schleier fällt, Klarheit.

Das Weiße Tal ist die Erfüllung des Lebens. Hierin liegt der Anfang von Allem verborgen. Hier endet auch alles. Weiß ist die Farbe von Allem, denn in ihr verbinden sich alle Farben der Welt, und so ist weiß die Farbe des Anfangs und des Endes. Weiß ist das Erste was du siehst, aber auch das Letzte. So wie ein Augenblick zur Ewigkeit, so wird die Ewigkeit zum Leben. Im Weißen Tal wird auch das Leben zur Ewigkeit. Ihre Farbe ist weiß.

Wir schauten zum Fenster hinaus und mußten unsere Augen beinahe zukneifen, denn das Licht war von unwahrscheinlicher Leuchtkraft; das ganze Tal und alles was darüber und darunter, lag unter einer dicken Schneedecke. Die Luft war kristallklar und trocken. Schien alles an Geräuschen in den letzten Tagen gedämpft zu sein, so war es nun einfach nur stumm. Nichts war zu hören und selbst die Stimmen der Verwunderung über den Schnee klangen fern, eigentlich räumlich nicht bestimmbar. Aber wie sehr irrt derjenige, der behaupten könnte, es sei der Schnee, der alles stumm werden läßt. Nein, es war nicht der Schnee, es war etwas, was in ihm drin war. Es war sein Inhalt. Er zog mich an. Ich stand auf, ging zum Fenster und riß es ungeachtet der Außentemperatur weit auf. Eine frostige Luftflut zerschlug in meinem Gesicht, wie eine Welle gegen die Brandung. Es war frisch. Wera hüllte sich in ihren Schlafsack und stand nun neben mir. Ich brauchte nur meine Hand auszustrecken, um zu sehen, was der Schnee in Wirklichkeit war. Anfangs war ich noch erschrocken, als ich die erste Flocke fing, denn plötzlich sah ich - wie in einem kurzen Blitz, in diesem einem Augenblick, in dem die Flocke meine Hand erreichte und sofort zu schmelzen begann - ja, ich sah...

Zuerst war es eine Klippe, glaube ich, ein Sandstrand irgendwo am Schwarzen Meer. Der Sand war heiß und brannte in die Füße. In der Ferne war die Felsige Klippe zu sehen; sie fiel senkrecht in Wasser und in dem sandigen Fels war irgend etwas geschrieben. Große Lettern in einer fremden Sprache? Ich drehte mich um und sah eine Flußmündung, dahinter ging der Stand weiter; ein Schiffswrack lag in der Brandung.  Wie kam ich hierher? Dann der Fluß, dessen Ufer vom Schilf bewachsen war. Ein Gummiboot, zwei Paddel.

Aber schon kam die nächste Flocke: Lichter gingen über Athen auf. Straßenlichter ergossen sich über die Stadt, ihr Fluß war uneinheitlich, einige Hauptader verloren sich in dem Gewühl der Häuser von Piräus. Eine überdimensionale Leuchtreklame der Coca-Cola  thronte über die abklingende Schwüle einer bebenden Stadt. Sie wirkte irgend wie blaß angesichts der Aura von Acropolis.

Und noch eine: die Mitternachtssonne stand ihrem Zenit entgegen. Die Erde war rund, eindeutig und unwiderlegbar rund. Sie drehte sich im Kreis und bei jeder Umdrehung bewegten sich in gleicher Geschwindigkeit die Zeiger einer Uhr. Es war der Norden, die Straßen einer fremden Stadt waren leer. Ich Schaute auf die Uhr, aber sie hatte keine Zeiger mehr. Es roch nach wilden Erdbeeren.

Bei der nächsten Flocke hörte ich die Stimme des Imam vom Tetuan, das Lachen der Prostituierte in Ceuta, jemand flüsterte mir etwas sehr süßes ins Ohr. Ein kalter Wind streifte mein Haar und ich blickte in eine alpine Schlucht und schon im nächsten Augeblick war ich im Jardin du Luxemburg. Ich hörte das Weinen eines Neugeborenen und dann das leise Klicken einer Autotür... Ich sah die Zeit.

Die Ereignisse überschlugen sich. Manchmal war ich an zwei, drei Orten gleichzeitig, sah Gesichter, welche ich schon längst vergessen zu haben glaubte. Mir wurde weiß vor Augen. Ich steckte die Hand wieder ein. Ich schaute zur Wera hinüber. Ich sah, wie aus ihren wunderschönen Augen - jetzt sahen sie nicht, wie ein roher Lapislazuli, sondern eher wie ein geschliffener Opal aus - langsam eine Träne floß. Sie bahnte sich ihrem Weg an der Wange entlang, blieb kurz in dem Mundwinkel stehen und dann auf einen Schlag fiel sie zum Boden. Ich schaute ihr zu und just in dem Moment als sie am Boden geräuschlos zersprang, so als bestünde auch sie nur aus konzentrierter Zeit, kam eine Frage in mir auf, welche ich schlicht nicht zu stellen wagte. Und es war die Frage aller Fragen, welche da lautet: wer bin ich. Mir war als wußte ich das nicht, als gälte alles, was galt, jetzt endgültig und für alle Zeit nichts. Wera wußte die Antwort, aber ich sah, wie sehr sie diese fürchtete. Ja, selbst die Frage nach ihrer Existenz war für sie beantwortet und die Antwort tat ihr sichtlich weh. Ich sagte nichts.

Wir brauchten lange an diesem Morgen, um die Hütte zu verlassen. Die Zeit spielte zwar noch keine Rolle, aber sie lauerte schon vor den Toren des Tals und ihr Rumoren war schon deutlich zu hören. Wir sprachen nicht viel, denn wir waren so eins mit unseren Gefühlen, daß wir keine Worte benötigten, um alles zu sagen. Und so wußte ich auch, daß ich nicht zu fragen brauche. Die Antwort wird kommen, schneller als es mir recht und trauriger als es mir lieb gewesen wäre. Eigentlich befürchtete ich sie schon zu kennen, denn eines wußte ich mit Gewißheit: ich wollte sie nicht wahrhaben, ich wollte sie nicht annehmen. Es war doch ungeheuerlich, was ich da gesehen, aber...

Die Wahrheit muß raus: als ich am Fenster stand und meine Hand nach den Schneeflocken ausstreckte, sah ich plötzlich wie ich in einem Bus sitze. Es war Nacht und die Borduhr über dem Fahrersitz zeigte 4:14 Uhr. Aber schon schmolz auch dieses Flöckchen und ich hörte, wie eine alte Frau vom Gott und Jugend sprach: "Ja, der Herr wird mich schon bald zu sich rufen", sagte sie. Ein weiters Flöckchen und ich ging den verbotenen Pfad entlang. Jemand in einem dunkelroten, karierten Flanellhemd sagte "Hallo". Dann noch eins, und noch eins, und... Ich hörte jemanden sagen "Schnee, verdammt viel Schnee". Ich sah die Gegenwart. Ich sah genau diesen Augenblick, in dem wir uns gerade befanden und ein lautes, klirrend-heulendes Geräusch, wie das einer hohen Feedbackschleife, durchdrang meinen Körper, so daß als ich die Hand einzog, eigentlich aus einem Reflex heraus handelte, als berührte man aus versehen eine heiße Herdplatte. Mein Herz hämmerte, und mir war, als wäre ich im letzten Augenblick einer tödlichen Gefahr entkommen. Aber ich hatte Glück, keine weiter Flocke berührte meine Hand.

Nun waren wir fertig zum Aufbruch. Unsere Rucksäcke ordentlich gepackt, unsere Sachen waren getrocknet. Wir haben gut gefrühstückt, und selbst an unserer Unterhaltung fanden wir einen Gefallen. Es kam uns vor, als würden wir uns schon lange kennen. Es war nicht notwendig jeden Satz bis zum Ende zu sprechen, denn es reichte nur eine Geste, um zu merken, daß sowohl die Worte als auch die Gesten uns vertraut waren.

Ich sah zum Fenster hinaus: es schneite.