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Suche vergebens nicht nach dem Worte
Welches erklärt deines Herzens Wille.
Im Reich des Zaubers und allerorte
Vernimmst du nur des Wortes Stille.

Jetzt, da du am Ziele angelangt,
Tue, was das Herz von dir verlangt!

Mein Freund, glaube bloß nicht, daß die Welt des Wortes, die ganze Welt sei. Das kommt dir nur so vor, da du den Erfahrungen einer unmittelbaren Konfrontation mit der Natur entwachsen bist; jetzt bleibt es dir nichts anderes übrig, als dir deine Welt zurechtzuargumentieren, indem du dich des Wortes bedienst, ohne zu sehen, daß auch dieses nur ein Produkt deines Verstandes ist. So bleibst du in deiner Welt gefangen und merkst es nicht einmal. Du hast gesehen, daß es von der Welt nicht nur die eine gibt und nun muß du dich noch mit der Tatsache konfrontiert sehen, daß das Wort ohnehin eine Dimension für sich darstellt. Vertraust du so sehr in seine Wahrheit? Siehst du nicht, daß sie dort beginnt, wo das Wort noch nicht gesprochen, und dort endet, wo die Stille schon längst waltet? Die Macht des Wortes mag groß sein in deiner Welt, aber in der Tat, gibt es vieles, was die Worte auszudrücken nicht vermögen und betrittst du ein Mal die Welt der Gefühle, und diese selbst der Welt des Zaubers abstammend, so sollst du dich nicht wundern, daß da Vieles unausgesprochen bleiben muß. Es gibt sie einfach, die Augenblicke, denen Worte schlicht nicht gewachsen sind. Man könnte meinen, daß man hier vielleicht mit deren Fülle diese irgendwie fassen könnte, aber suchst du die Worte erst zu finden, so bleibst du oft sprachlos, und dort wo du mit Fülle des Wortes bestechen wolltest, dort bleibst du stumm, wortlos.

Das Leben im Tal der Liebe unterliegt keinen Gesetzen und kein Regelwerk, weder der realen noch der verzauberten Welt, findet dort seine Anwendung, wo die Liebe zu Hause ist. Es geschehe was des Herzens Wille.

Aber andererseits, wie kann ich mich jetzt in die Sprachlosigkeit flüchten, wo gerade jetzt der Zauber so greifbar nah, so eindeutig und unwiderlegbar sei, daß - man brauche ihn gar nicht erst zu suchen - er in jedem Wort zu finden? Ja, der Zauber. Denn wie könnte ich jetzt noch vom Zufall oder Schicksal reden? Oder anders ausgedrückt: wie konnte ich bloß damals an Zufall oder Schicksal nur gedacht haben? Wie konnte ich nur die Augen vor dem offensichtlichsten verschlossen gehalten haben? Oder mußte es vielleicht so sein? Ja, vielleicht liegt das im Wesen des Zaubers verborgen, daß sich dieser nur durch sich selbst offenbart und es lohnt die Mühe nicht, nach dessen Gründen und Erklärungen zu suchen, sintemal diese für den Menschen - ob auserwählt oder liebend - unergründlich sind. Und für einen, der den Gefühlen in seiner Rationalität entbehrt, ohnehin nicht zu sehen sein wird. Unser Verstand ist nun mal so geschult, daß er im Plausiblen sich geschützt glaubt und vor dem Unbegreiflichen fürchtet. So nehmen wir vieles hin, was des Zaubers und tun so als sei es das gewöhnlichste von der Welt. Doch dieser Welt, welche all das was da geschehen für gewöhnlich halten zu wagen würde, dieser Welt waren wir beide nun entwachsen. Und obgleich das, was um uns herum tobte irgendwie plausibel schien, so wußten wir, daß es nicht an der Zeit sei, es Zufall zu schimpfen. Es war eine zu kostbare Gabe, als das man sie ohne tiefste Dankbarkeit an das Leben entgegennehme. Des Zaubers, was dem Zauber gebührt.

Als wir am Vorabend uns von einer kleinen Gemeinde von Bergsteigen umgeben sahen, welche das Schicksal ereilte, völlig durchnäßt zu sein (denn die Mischung, welche ihnen Siklawa bereitet hatte, die aus Wasser und Wind, jedes Kleidungsstück und selbst Rucksäcke und deren Inhalt durchdrang), so war es uns klar, daß auch dies nur ein Teil des großen Plans sei, dieses Spiels der Welten, welches für uns schon entschieden war. Denn das Wetter des darauffolgenden Tages war einem Wanderer nicht günstig geneigt; wen wundert's: im Tal der Liebe wird selbst die Schönheit der Landschaft zu einer Sekundärtugend, wie jede Schönheit, welche von Liebe umgeben. Und außerdem schafften es die meisten nicht, ihre Sachen zu trocknen, so daß sie entweder zurück zum Talausgang oder zu einer Hütte aufbrachen, welche über etwas luxuriösere Ausstattung  verfügte, als die unsrige. Wahrscheinlich ließe es sich, noch mehr Erklärungen beifügen wieso es so gekommen sei und nicht anders. Aber wozu? Seit Tagen gingen unsere Wünsche in Erfüllung, nun waren es unsere Träume und schließlich die Liebe selbst, welche sich ihren Weg durch unsere Herzen bannte und die ganze Landschaft um uns herum mit sich in den Strudel der Ereignisse fortriß. So war es für uns weder ein Wunder noch eine Schicksalsfügung, sondern es war schlicht natürlich, daß wir an diesem Tag, an dem unsere Kleidung auf dem Heizkörper trocknete, allein in der Stube, und beinahe allein in der Hütte waren. Wie natürlich es war, entscheide nun selbst, denn wann ist man schon allein von den Wolken umhüllt in der schönsten und höchsten Berghütte der Tatra? Nicht oft, würde ich sagen, aber auch das Tal der Liebe öffnet sich nur ein Mal an einer und der selben Stelle. Und so wird die Tatsache, daß etwas einmalig auf der Welt ist, vielleicht doch zu einer Selbstverständlichkeit, wenn man nur in dieser verweilt; und vieles, was anfangs in seinem Widerspruch jeden Gedanken ad absurdum zu führen schien, wurde nun schon beinahe zum Gesetz: das Höchste und das Schönste bleibt oft für viele unerreichbar. Und genau darin liegt die Ursache meiner Sprachlosigkeit, eines so tiefen Verstummen, daß ich nur mit Schweigen der ungewöhnlichen Natürlichkeit des höchsten der Gefühle meine Ehre erweise. Augenblicke der Liebe, sind nicht die des Wortes.

Augenblicke. Man brauche deren nicht viele, um zur Ewigkeit zu gelangen. Manchmal reicht nur ein einziger, um diese zu erreichen. Wer hätte das gedacht, daß die Ewigkeit selbst nur im Jetzt besteht und nachhinein selbst zu einem Augenblick wird? Und wer würde es wagen, im Jetzt an die Ewigkeit zu denken, da der Mensch angesichts dieser ein Sandkörnchen im Universum, ein Schneeflocken im Schneegestöber ist? Schließlich war es doch nur ein Augenblick, als wir uns in unsere Schlafsäcke hüllten, daß Fenster aufrissen und in das nebelumwobene Tal hinausschauten. Es mußte nur ein Augenblick gewesen sein, denn als die Nebelschwaden in die Stube einfielen, so kam er auf, dieser unscheinbare, kleine Gedanke, daß auch dies vergänglich sei, daß die Zeit, welche um das Tal herum fließt, uns bald einholen wird. Bald. Früher als wir es uns werden denken können. Aber was blieb uns übrig, als unsere Arme noch enger um uns herum zu schließen, als diesen

Augenblick mit ganzem Herzen in uns einfließen zu lassen? Wie viele solche Augenblicke gibt es im Leben? Einen?  Zwei, oder noch mehr? Nein, von solchen Augenblicken gibt es im Leben höchsten nur einen, denn ist er ein Mal da, so ist er immer der größte und der schönste, sonst wäre er nicht das, was er zu sein vorgibt. Und dieser eine Augenblick, welcher noch außerhalb der Zeit besteht aber schon in diese einzufließen beginnt, dieser Augenblick ist die Ewigkeit. Die Ewigkeit in der einzigen Form, wie sie einem Menschen zuteil werden kann.

Was nutzt da die Frage nach der Zeit und deren Dauer? Nicht viel. Aber immerhin bin ich dir, mein Lieber, angesichts dieser "irdischen Frage" wenigstens den Versuch einer Antwort schuldig, auf zwei wohl der brisantesten Fragen dieser ganzen Reise. Erstens: wo ist das Weiße Tal? Und zweitens: wieso bin ich, sind wir heruntergegangen, haben das Tal verlassen? Und auch hier liegt die Antwort im scheinbaren Widerspruch, schon allein deshalb, weil es eine einzige Antwort auf die beiden Fragen sei, und trotzdem brauche ich viele Worte, um dir diese Einzige zu geben.

Ich vermute, daß auch der Augenblick des Abgangs in den Gesetzen der Kraina verankert ist, denn so wie ich schon sagte, nichts besteht hier ohne seinen Widerpart: wie zwei Schalen einer Waage; willst du sie im Gleichgewicht halten, so mußt du einem Gewicht ein anderes entgegensetzen. Ich betrat das Tal durch seinen einzigen Eingang und ich muß es durch seinen einzigen Ausgang wieder verlassen. Nur so wird zum Ende geführt, was einst seinen Anfang nahm. Und wenn du weiter nach dem "warum" fragst, so bedenke nur, daß dies das Unumgängliche im Leben sei, daß es kein Leben ohne den Tod gibt; ein Gesetzt, dem selbst der größte Zauber unterliegt. Und zwischen dem "Eingang" und dem "Ausgang" liegt das Leben selbst, manchmal hat es die Form eines Tals. Das Ein und das Aus umschließt es, ja, definiert es sogar! Wir könnten uns beklagen, daß es zu kurz sei. Gewiß. Aber, was ist kurz, was ist lang, wenn im Jetzt die Ewigkeit? Schaue nur, wie lange ich im Tal war! Allein mein letzter Tag dauerte drei Ewigkeiten eines hohen Ausmaßes und dann noch eine mittlere Ewigkeit desselben, von den vielen Augenblicken, welche sowohl der längeren auch als kürzeren Ausdehnung waren, ganz zu schweigen!

Doch darin magst du recht haben, daß heute (ja, es gibt wieder das Heute und noch schlimmer, auch das Gestern und das Morgen) die Zeit nicht von Ewigkeiten und Augenblicken, sondern wieder ihren erbarmungslosen Stundenmaß folgt und die Frage nach dem Verlassen des Tals immer noch etwas unbeantwortet bleibt. Denn da gibt es doch das Gesetzt der Wünsche und dann das der Träume; ich hätte es mir nur wünschen sollen, ich hätte es mir nur Träumen lassen sollen, und schon... Du vergißt, daß sowohl die Wünsche als auch die Träume ohne dein Zutun deinem Inneren entspringen. Ohne dein Zutun. Und im inneren meines Herzens brannte nun mal die Gewißheit, das Tal eines Tages verlassen zu müssen. Diese konnte ich nicht leugnen. Trotzdem hatte ich noch einen Wunsch frei.