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      Nun folge der Tag, an dem des Weges letzte Strecke,
      der Traum in die Wirklichkeit sich wandelt.
      Nun folge das, wo das Leben euch erwecke
      und von dem diese Geschichte handelt:

      Hier liegt deren Erfüllung im Geheimen
      und im Hier werden sie sich vereinen.
      Jetzt folgt der Pfad, der ihnen noch bliebe,
      denn im Jetzt liegt das Tal der Liebe.

Die Erwartung geht dem Wunsche voraus. Und manch ein Wunsch geht dem Traum voraus. Denn in den Träumen verbergen wir unsere höchsten und erhabensten Gefühle. Hier, im Tal der Träume weckt der Traum die Erwartung und diese weckt den Wunsch nach Verwirklichung. Da aber der Augenblick der Verwirklichung nicht immer mit dem der Wahrnehmung im Einklang steht, gilt es nun die Auserwählten auf die Verwirklichung ihrer Träume vorzubereiten, damit das höchste des Geträumten vom Geist, von der Seele und vom Körper Besitz ergreifen kann. Denn das höchste der Gefühle ist die Essenz der Träume.

 

Stile. Selten ist sie von langer Dauer in der Berghütte zur Morgenstunde, aber oft ist sie das erste, was man am Tage wahrnimmt. Die Ruhe des Schlafes, nicht selten von der Turbulenz der Träume unterbrochen, geht in die Stille des Tages über. Die Stille, welche mir der erste Tagesschimmer nun brachte, war jedoch anders als die, welche man sonst zu hören, oder besser gesagt nicht zu hören bekommt. Meistens ruht sie darin, daß in der Hütte im Morgengrauen noch wenige Leute wach sind, und diejenigen, welche früh aufbrechen, versuchen – in der Regel, von der es an Ausnahmen bekanntlich nur so wimmelt - diese durch unnötige Geräusche nicht zu stören. Dennoch nimmt man alles wahr, was eben nicht still ist, sei es die Schritte auf der Holztreppe zum Ausgang, sei es das Schnarchen eines tief schlafenden Zimmergenossen oder das zitternde klirren der vom Wind gedrückten Fensterscheiben. Diesmal war es anders, diesmal schien die Stille selbst zu hören zu sein, und nicht die Geräusche verdeutlichten ihre Wirkung sondern sie selbst umgab diese mit ihrer lindernden Lautlosigkeit. Sie schien auch nicht von dem Geschehen in der Stube herrühren, sondern war wie eine Wolldecke, welche jemand über die Nacht über die Hütte, ja mehr noch, über das Tal, behutsam gelegt hat. Sie umgab alles, dämpfte alles; selbst das Licht des Morgens war gedämpft und flau, genauso wie die Gedanken und Worte.

Wir freuten uns auf diesen Tag, denn irgend wie gehörte er ganz uns, obwohl das "Wir" und das "Uns" hier noch nicht aufkam; es war wie ein stilles, schweigendes Übereinkommen, von dem man ausgeht, es aber nicht auszusprechen wagt, weil man keine Erklärung dafür parat hat, daß es so ist und nicht anders. Der Abend an den Wasserfällen der Siklawa und das darauffolgende Beisammensein in der Hütte, die Gedanken, welche dem süßen Geruch eines Vanillepuddings in nichts nachstanden und nun schon gedacht, begannen zur Wirklichkeit zu werden; all das gehörte dieser Stille an. Es war aber so, daß wir nach dem Frühstück, welches auch ein unseres war, unsere Sachen packten - eben das nötigste, was für eine Tageswanderung notwendig - und uns auf den Weg machten.

Es war kühl und feucht. Man wußte nicht, ob es regnet oder die Feuchtigkeit der Luft so dicht sei, daß sie als Regen durchgehen konnte. Und irgend wie ist sie es gewesen, aus der die Stille hervorgegangen ist und welche alles um uns herum dämpfte und es damit leichter, freundlicher und selbstverständlicher erscheinen ließ.

Die Mgla, die Herrin des Weißen Wassers wird es sein, welche gemeinsam mit der Siklawa das Tal im Schutze des Blickes und des Klanges einschließen wird. Von nun an gibt es das Hier nicht nur links und rechts, nicht nur voraus und dahinter, sondern nun auch oben und unten. Denn das Land des Zaubers kennt die Weiten der einfachen Dimensionen nicht, und so kennt es nicht den Himmel und nicht die Hölle. So wacht die Mgla über den Wolken und die Siklawa am Fuße der Berge und ihre Zauberkraft geht weit über die Grenzen des Tals hinaus. Selbst wenn jemand von der realen Welt es wagen sollte, sich diesem zu nähern, so wird er des Wassers Kraft überwinden und des Eises Kälte überstehen müssen. So vergeht nicht ein Tag, mit seinen Ewigkeiten und Augenblicken, und das Tal wird leer sein, bis auf zwei. Diese aber werden vom Wasser gereinigt und von der Kälte erhitzt werden, denn so ist die Wirkung der Gewalten des Zaubers.

Wir stiegen empor und wieder schien sich das Land unter unseren Füßen fortzubewegen. Wie hat sich alles verändert, wie anders wirkte das Tal jetzt, wo es in sich geschlossen war! Das Tal ist zu einer Einheit geworden, zu einer in sich bestehenden Welt. Alles beruhte auf sich und ruhte in sich. Es gab die Weite nicht mehr, obgleich es eine Täuschung sein mußte, denn streckte man die Hand nach dem See oder nach einem Felsen, so merkte man, daß er doch weit sein mußte, denn die Hand erreichte ihn nicht aber der Gedanke streifte diesen ganz leicht. So wußte man sofort, wie sich der Felsen anfühlt und wie kalt das Wasser im See sei. Und so verschwand langsam die Grenze zwischen dem was außen und dem was innen. Der Weg ging bergauf, der Wind nahm zu. Die Nässe umgab jetzt den ganzen Körper, sie war nicht nur ein Teil der Luft, sondern auch ein Teil des Atems, dann ein Teil des Klanges, dann ein Teil der Kleidung. Und irgendwann wußte ich nicht, ob ich überhaupt etwas anhatte, denn ich spürte nur die mich umgebende Luft und das Licht des Tages, welches in sich ebenfalls wie aufgelöst schien.

Der Weg führte uns zum Meeresauge, eines weiten Sees – den größten der Tatra - , von dem das Rauschen der Wellen zu unseren Ohren drang, sobald wir den Paß unterhalb des Kamms vom Schpiglas überquerten – eines mächtigen Felsmassivs, welches nun vom Wind gepeitscht in den Wolken verging. Wir hörten wie die Tropfen auf dem Felsen aufprallen, sich dann zu kleinen Rinnsalen vereinigten und nun hörten wir, wie diese kleine Bächleins um die Steine herumfließen, zu größeren Bächen wurden, die Wände hinunterbrausten, und als Wasserfälle ihre Kraft an das Meeresauge abgaben, dort vom Wind emporgetragen wurden und als Wellen am Ufer zerbarsten. Und so gingen auch wir hinunter, wieder einmal von dem Gefühl einer völligen Einheit mit der Umgebung ergriffen und recht überrascht, daß wir dieses Gefühl genossen und uns daran erfreuten. Denn in der Tat, unter anderen Umständen würde der Mensch schon allein bei dem Gedanken, den Kräften der Natur schutzlos ausgeliefert zu sein und ihren Launen zu unterlegen, eher zusammenschrecken, geschweige denn sich daran zu ergötzen. Warum es uns anders erging? Sagen wir: einfach so. Aber der Gedanke, daß uns am Meeresauge eine Hütte erwartete, in der wir einen warmen Ofen zu finden und uns an einem Glas heißen Tee zu wärmen hofften, trug entscheidend zur Verbesserung unserer Laune bei. Als wir uns dann noch stärken und trocknen konnten (dies allerdings nur für eine kurze Weile, denn der Regen sollte nun mal unser Schicksal werden), fühlten wir uns wohl und es wurde uns klar, daß es eine große Gabe sei, an der Natur und ihren Gewalten so nah - hautnah - teilhaben zu dürfen. Und obwohl der Rückweg sich tatsächlich schwierig gestaltete, denn es galt nun sich an die Natur "da draußen" wieder zu gewöhnen, und ihrer Kälte die Wärme des Körpers entgegenzustellen, und auch die Steigung, welche es auf dem Weg zurück ins Tal zu bezwingen galt, kein Ende zu nehmen schien, so - glaube ich - es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß der Augenblick, in dem wir den Dach unserer Behausung sahen, und der Rauch, welcher aus deren Kamin entwich, uns das Gefühl (schon wieder das unbestimmte aber sichere Gefühl) vermittelte, nun am Ziel zu sein. Denn in der Tat, jetzt war es nur eine Frage von wenigen Worten, und der Weg, der inzwischen zu einem guten Gefährten geworden, wird uns zu uns geführt haben.

Sie kamen aus der Sonne, aus der sie geboren. Sie gingen durch den Wind, durch den sie gestärkt. Nun durchqueren sie das Gewässer ihrer Reinigung. Nach dem Feuer der Sonne ist es das Wasser des Regens, welches ihre Haut rein, weich und geschmeidig machen wird. Und so wie ihre Haut, so werden auch ihre Gefühle, denn bevor eine Hand die andere Findet, wird diese von einem Gefühl berührt. Und seine Berührung wird die leichteste und zarteste, welche die Welt je gesehen, und das Gefühl wird das leichteste und zarteste, welches ein Herz je getroffen.

So ist es auch gekommen, denn am Ziele, wo die Zeit nun als vergangen gilt und das Jetzt in sich besteht, führt ein Blick zum Gedanken, dieser zum Wort, welches sich in einem Blick

widerspiegelnd eine Berührung nach sich zieht, und dort wo der Geist und Körper eine Einheit bilden, im Herz nämlich, wird die Berührung zum Gefühl, und dieses - ein Mal entfacht - besteht nur für immer, brennt für immer. Und von nun an gibt es keinen Gedanken, der diesen zu löschen versteht und kein Wort, das es beendet, auch wenn es viele derer gibt, welche es verletzen können. Doch ist das Gefühl, welches da geweckt, wahrlich nicht von der Sorte deren, welche mit voller Kraft und jeder Umsicht beraubt aus einem herausbricht, sonder eher von deren, welche zaghaft die Brust verlassen, schüchtern den Blick um sich werfen, und du weißt sofort, daß du es von nun an pflegen und hegen mußt, willst du es dir in dieser Pracht erhalten. Und so tust du auch, umgibst es mit Leidenschaft, welche es vor Begierde und mit Umsicht, welche es vor Kälte schützen, wobei du es nicht weißt, ob deine beiden Hände, dem Schutze zu genüge tun. Aber es sind nicht nur deine Hände, sonder noch ein zweites deren Paar, und so wird dieses Gefühl, obgleich schutzlos geboren, einst zu einer Kraft anwachsen können, welche eines Tages vielleicht das ganze Leben, und deren sogar zwei oder mehr, zu tragen befähigt sein wird.

Im Tal der Liebe ist jeder Gedanke und jede Tat dieser unterworfen. Die Liebe besteht nur aus sich und sie besteht nur in sich. Es gibt keine anderen Gefühle neben ihr. So ist die erste Nacht im Tal der Liebe, nicht eine der Leidenschaft, nicht eine der Begierde, nicht eine der Sehnsucht. Doch welcher Mensch vermag der Reinheit der Liebe in die Augen zu blicken, ohne vor Leidenschaft, Begierde und Sehnsucht zu vergehen? Keiner. Und selbst der Zauber benötigt seine Helfer, um diese Reinheit zu erreichen. So solle geschehen, daß allen Unwillen der Welten zum Trotz, die Liebenden diese Nacht getrennt zu verbringen haben! So sollen viele große und kleine Dinge ihnen in den Weg gelegt werden, damit sie in der größten Finsternis der Nacht nicht zueinanderfinden. Man solle einen großen Tisch im Saale aufstellen, welcher zwischen den Betten thronend, mit vielem Zerbrechlichen und Nassen, mit Gläsern und Speisen vollbesetzt wird, und um diesem herum, plaziere man zahlreiche Fallen, welche selbst der Geschickteste in der Dunkelheit der Nacht nicht zu umgehen versteht. So möge es geschehen, denn das eine besteht nicht ohne das andere. Und es folge, was zu folgen hat.