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Vielleicht sollte sprechen, was der Stimme,
Doch welche Stimme kennt die Worte,
Da Herzens Leid und Schmerz bestimme,
was geschieht an jenem Orte?

Doch laßt uns jetzt hier einfach sein und laßt die Vergangenheit vergehen!
Schlagt auf die Seiten, wo da stehe, "das alles hat nun  zu geschehen"!

Die Stärke des Windes läßt nur eines zu: mit einem gleichmäßigen Schritt, den Körper voll gegen den Wind gelehnt, talabwärts zu gehen.

Die Richtung der Wanderung wird von der Neigung des Körpers bestimmt. Es ist dabei unmöglich die Richtung zu ändern, da man dabei sofort umgeworfen wird. Unterhalb des Tores der Winde ist Vorsicht angebracht, denn obwohl in seinem oberen Teil der Wind mit unverminderten Härte, den Eingang verteidigt, bis dieser am Abend geschlossen wird, so muß unterhalb dieses mit einer Abschwächung zu rechnen sein, welche als unregelmäßige Böen wahrgenommen wird. In einem solchen Augenblick empfiehlt es ich stehenzubleiben und abzuwarten.

Was sahen wir da? Was passierte um uns herum? Als ich vom Grat des Adlers noch vor gar nicht so langer Zeit - es mag sich höchsten um eine kleine Ewigkeit handeln, nicht länger - auf das Tal herunter blickte, wußte ich noch nicht, daß dies das Tal der Träume sei. Konnte ich auch nicht, dann das Gefühl hier zu sein, war mir damals noch fremd, und das eben fremde Gefühl war nirgends einzuordnen, es entsprach keinem der Gefühle, welche mir in meinem Leben begegnet sind, oder welche der Schmerz der Erinnerung nicht aus meinem Herzen vertrieben hätte. Nun war es aber da und das Tal, die Landschaft, ja die ganze Welt breitete sich vor mir aus, gleich einer schönen, liebeshungrigen Eva, einer wahren Krone der Schöpfung, sanft in ihrem Antlitz, rauh in ihrer Begierde und willenlos in ihrem Sein. Hier schien sich wahrlich alles zu vereinen, was das Leben an Form und Ausdruck  mit sich bringt: das Bild, wie von der Hand eines Meisters geschaffen, dessen Kunst erst erkannt werden muß; der Klang, so virtuos und erlesen zum Schwingen gebracht, wie ihn noch nie eine Seite hervorgebracht; der Duft, völlig in seiner kristallenen Reinheit gefangen, als vereinige er in einem vollkommenen Gleichgewicht alle Dufte dieser Welt. Und dann das Gefühl auf der Haut, der Wind in den Haaren, der Atem, der Herzschlag...

Wir erstarrten förmlich in diesem Augenblick eine ganze Weile, von der Schönheit dieser Landschaft in ihren Bann gezogen. Ja, es soll nicht verwundern, wenn man im Land der Zauber vom selben auch ergriffen wird: hier ist es die Regel.

In der Tat, war dies das Land der Träume. Denn hier und jetzt, sah ich endlich das, was ich im Laufe meines unförmigen Lebens in mir an solchen aufgesammelt habe. Hier lag es, so wie ich es mir vorgestellt habe. In meinen Träumen, damals, sah ich die Landschaft, ich suchte sie und suchte, aber ich hätte es mir eben nicht träumen lassen, sie hier vorzufinden. Vielleicht tute ich ihr unrecht, wenn ich sie mit anderen vergleiche, denn

ihre unverwechselbare Einmaligkeit ist offenkundig für jeden, der sie gesehen, nein, der sie erlebt und ertastet habe. Aber andererseits wie sollte ich sie dir beschreiben, da du in deiner Welt nun mal sehr fern von ihr bist? Vielleicht kennst du aber die rauhe Küste der Bretagne mit ihren einsamen, von Wind und Wasser blank geschliffenen Felsen? Hier, würdest du den Blick in den unteren Tallauf wenden, würdest du diese erblicken, ja, hier, und das Rauschen des Meeres ist zu hören, und der feuchte Wind weht dir ins Gesicht und die Ferne des Ozeans öffnet sich vor deinen Augen. Oder hast du mal von der zerzausten Landstrichen der Highlands geschwärmt?  Mein Lieber, Gebirge ist sich solidarisch, es ist immer ähnlich und doch nie gleich; es sei nur deiner Phantasie überlassen, ob du die Grampian Mountains dir hierherträumen willst oder nicht; in der Tat gibt es dazu keine Veranlassung, aber wenn du es wünscht, so brauchst du sie dir nur vorzustellen, deinen Blick nach vorne richten und du wirst sie sehen, obgleich wozu? Im Gefühl Hier die ganze Welt zu erblicken, wirst du dich mit dieser zufriedengeben; glaube mir.

Das Tal der Träume erstreckt sich innerhalb des Hier und jenseits des Augenblicks, welche zusammen eine Ewigkeit sowohl in der Zeit als auch im Raum bilden. Das Hier bildet somit immer den Mittelpunkt des Tals, welches sich um den Betrachter konzentrisch ausbreitet. Wichtig ist daher zu erkennen, daß die im Tal zurückgelegte Strecke immer diejenige ist, welche das Tal unter dem Füßen des Auserwählten zurücklegt, nicht umgekehrt. Denn in solchem Maße, in welchen sich der Wandernde auf ein Punkt zu bewegt, in solchem Maße bewegt sich derselbe Punkt auf den Wandernden zu. Auf dieser Weise wird die unendliche Ausdehnung des Tal auf das Hier und Jetzt aufrechterhalten.

Wir gingen Talabwärts, wobei es schwer zu bestimmen war, ob wir abwärts oder das Tal aufwärts sich bewegte, denn tatsächlich spürten wir keine Anstrengung in den Beinen und die Landschaft in ihrer ganzen Pracht wandelte immer in ihrer völligen Ganzheit um uns herum. Immer war ein Fels nur ein Fels und auch wieder nicht, denn da war er ein Berg, da ein Fjord, hier nur ein Hügel und dort ein Massiv. Immer war ein See nur ein See und auch wieder nicht, denn da war er ein Meer, da ein Teich, hier ein Tümpel und dort ein Ozean. Immer war ein Bach nur ein Bach und auch wieder nicht, denn da war er ein Fluß, da ein Wasserlauf, hier eine Ader und dort ein Strom. Immer war eine Wolke eine Wolke, ein Regentropfen ein Regentropfen, ein Weg ein Weg und auch wieder nicht, denn die Träume kennen nur die Grenzen der eigenen Phantasie, und hier im Tal der Träume ist diese unerschöpflich. Und jetzt, angesichts dieser doch so simplen und gerade in ihrer Einfachheit

so überwältigenden Erkenntnis, sage mir, wer war ich in diesem Augenblick, und - eine Frage, die noch bohrender in meinem Herzen brennt - wer war diese Frau an meiner Seite? Wera. Immer schon gewesen, immer fortdauernd und immer für die Ewigkeit war Wera einfach Wera und eben wieder nicht. Auch ich war nur ich aber doch gewiß nicht mehr. Doch ich möchte an dieser Stelle keine Mißtöne in diese Aura des Einklangs einstreuen, obgleich eine leichte Dissonanz erst dem Wohlklang seinem Charakter verleiht.

Die erste Aufgabe der Auserwählten, welche sich aus dem natürlichen Lauf der Dinge ergibt und somit keiner weiteren Handlung erfordert, als das Geschehen das kommen mag und kommen wird, tatsächlich auch kommen zu lassen, besteht darin, das Tal der Träume an deren äußeren Ein- und Ausgängen für die Dauer des Verweilens zu verschließen. Damit soll sichergestellt werden, daß Fremde oder etwaige Unbefugte sich den Zugang der ihnen entgegen wirkenden Kräften zum Trotz gewaltsam verschaffen und die Ruhe des Tals mit ihrem ungehobelten Benehmen, - welches sich in einer ordinären Wortwahl oder pöbelhaften

Umgang mit den Auswirkungen einer überstrapazierten Verdauung (um nur einige wenige zu nennen) leicht erkennen läßt -  stören, ja sogar zerstören  könnten. Hierzu wird den Auserwählten aufgetragen, am Abend des Tages, welcher vom Augenblick ihrer Ankunft im Tal gekennzeichnet, sich zu den Wasserfällen der Königin Siklawa zu begeben. Dort gehört es sich,

zu den Füßen der Wasserfälle eine Rast einzulegen und in aller dem Augenblick gebührenden gesitteten Stränge, den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten und dabei jeglichen Regungen der Leidenschaft zu widerstehen. In den Augenblick, in dem der Siklawa diese Ehre entgegengebracht wurde, erhält der Halny den Befehl, das Tor der Winde endgültig und für alle Zeiten zu schließen. Gleichzeitig wird sich aus den Wasserfällen ein dichter undurchdringlicher Nebel über dem Talausgang - dies meint am Pfad des Doofen Johann - ergießen und für die Dauer der kommenden Ewigkeiten diesen versperren. Um die Ruhe der Augenblicke zu gewährleisten wird auch der Mgla, welche die Herrin des Weißen Wassers sei, aufgetragen, alle Partien oberhalb des Tals mit einer einheitlichen und undurchschaubaren Wolkendecke zu umhüllen. Das alles hat in der kommenden Nacht zu geschehen.

Als wir die Berghütte erreichten, waren wir vor allem von dem – obschon letzten - Ansturm der Menschen dort etwas überwältigt. Doch als bald verstanden wir, daß es nur auf den unerwarteten Wetterumschwung zurückzuführen sei, daß die Leute im Tal zurückblieben und eine Wanderung zu den Gipfeln des Gebirges scheuten, und das die meisten von ihnen nur hier sind, um Kräfte für ihren Abgang zu sammeln. Dies war zu offensichtlich, denn allzu deutlich war der Eindruck, die meisten haben sich zufällig in dieser Region verloren, nun galt es ihnen Schutz und Unterschlupf zu gewähren, denn so gehört es sich. Außerdem konnte es uns egal sein, denn die Welt, welche sie bewanderten, nicht unserer Entsprach und wahrlich keinen Einfluß darauf nehmen konnte, was mit uns zu geschehen hatte. In der Tat verließen sie am Abend alle die Hütte und überließen sie uns und anderen Reisenden in ihren Welten. Jetzt war es schön und mollig warm hier und nach einer leichten Stärkung ließen wir uns von unserer Leidenschaft fortreißen und beschlossen einen Spaziergang zu den Wasserfällen der Siklawa zu unternehmen, obwohl der Gedanke, dies zu tun, mutig war, angesichts der Gewißheit, welch eine romantische Stimmung von diesem Orte ausgeht, was erhebliche Wallungen des Herzens zur Folge haben kann. Und tatsächlich, als wir am Fuße der Wasserfälle saßen, der Kühle des Abends ausgesetzt, war das Gefühl der Nähe, welche unsere Körper ausstrahlten, so überwältigend, das es uns schon fast befangen machte. Wie laut schlägt ein Herz, wenn die Stille vom Rauschen eines Wasserfalls ihre Kraft schöpft! Und bedenke, was alles möglich, wenn der Herzen zwei an der Zahl! Ist es dann verwunderlich, daß die Augen einem Blick nicht standhalten, der so offen, so offensichtlich, so offensichtlich leidenschaftlich sich gibt. Wenn dann noch die Nacht die Welt verdunkelt und einen dunkelblauen Mantel über alles legt, die Gedanke und Gefühle nicht auslassend,... kann es dann noch verwerflich sein, an alles zu Glauben, was des Zaubers? Allein die Anmut dieses Augenblicks - aus dem das Weitere, wie aus den Karten herauszulesen schien - bewahrte uns vor Gefühlen, die sicherlich mehr Fragen als Antworten aufgeworfen hätten. Vielleicht aber auch nicht, denn wer vermag den Gang der Geschehnisse vorauszusagen, welche dem Herzen näher als dem Sinn?

Nun gilt es in der Dunkelheit den Schutz der Behausung zu erreichen und dabei zu achten, dem Bären nicht zu begegnen, der als Bote des Eiszauberers sehr empfindlich und daher auch launisch auf Wetterwechsel reagiert und den Auserwählten meist nicht wohlgewogen ist. Sollte dies nicht gelingen, so... Gott steh' euch bei! In der Regel gelingt es aber.
In der schützenden Atmosphäre der Hütte gebührt es nun, sich zu stärken, wobei sowohl der Körper als auch der Geist davon betroffen sein sollten. Es empfiehlt sich daher, daß die Auserwählte dem Auserwählten die Zauberspeise zubereitet, welche gleichzeitig auch ein Liebestrank sei, wenn man es gekonnt anstellt und deren Konsistenz innerhalb des Aggregatzustands einer Flüssigkeit grade noch beläßt. Diese Speise sei ein Zauberpudding, dessen Geschmack frei wählbar, wobei zu beachten wäre, daß er nur in den Geschmacksrichtungen Karamel und Schoko vorzukommen vermag. Dies möge geschehen  frei nach dem Motto: in pudding veritas.

Wie vergeht die Zeit in einem Raum, der in der Ewigkeit gefangen ist? Wer bemächtigt sich, die Frage zu beantworten? Es gibt wahrscheinlich nur einen Punkt, in dem die Antwort möglich erscheint: der Augenblick des

Zeitlosen. Ein Augenblick, dessen einziger Sinn in seinem fortdauern besteht, der da ist und deren Einheit nicht die der Zeit, sondern die des Wortes, des Blickes, der Berührung, des Gedankens und des Empfindens ist. Die Ewigkeit besteht eben aus solchen Augenblicken und Unrecht tut der, welcher in ihr Langeweile oder Muße vermutet, denn auch diese sind nicht von dieser Welt. So ist es schwer darüber zu berichten, wie die Zeit im Tal der Träume vergeht, obschon ich zugeben muß, daß diese Frage, wohl die meist gestellte ist, begreift man ein Mal, das Geschehene. Aber auch hier ist es nicht die Zeit, die vergeht, sondern die Augenblicke der Ewigkeit; Augenblicke, die ineinander übergehen, sich überlagern oder in Einsamkeit verharren, um den nächsten unerwartet, aber ohne Hast, Vortritt zu geben. Hier ertrinken sie in der Dunkelheit der Nacht, dort wiederum schmelzen sie in der Flame des Lichts, mal in der Dämmerung einer Kerze verharrend, mal in die Gefilden des Schlafes sich verirrend. Genau so sehen die Abende im Tal der Träume aus, genau so klingen sie aus, gehen in den Schlaf über, wo die Träume zu Hause sind. Von dort aus beginnt der nächster Tag. Nun gilt es die Träume wahr werden zu lassen.