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Nun, passiere erst die Regenbogenpforte,
Gehe vorbei an den fließenden Wiesen,
Nimm in dir auf den Zauber dieser Orte,
Deren Schönheit in der Ewigkeit gepriesen.
 

Bezwingst du sogleich die Hängenden Gärten
So wirst du am Tore den Preis dafür ernten.

In der Nacht, welche dem Tag der Passage vorauszugehen hat, öffnet der Halny die letzten Schleusen am Tor der Winde. Von nun an ist der Durchgang nur zwei Menschen geöffnet, welche auserwählt worden sind, diesem Wind standzuhalten. Der Wind, von bisher nicht bekannter Kraft, hat zur Aufgabe einerseits Unbefugte daran zu hindern, das Tal der Träume zu betreten, andererseits den Auserwählten die einzelnen Pforten am Pfad der letzten Passage nacheinander zu öffnen und hinter denen wieder für immer zu schließen. Die Passage kann nur zu zweit passiert werden und zwar jeweils zusammen und nur ein Mal.

 Als ich am Morgen mein Frühstück rasch einzunehmen versuchte (was sich wegen eines unendlichen Wartens auf eine Portion "Parówki", was so viel heißt wie Siedewürstchen, äußerst schwierig gestaltete), sorgte ich mich ein wenig über das weitere Fortkommen der Wanderung, da ich Wera -  welches der Name meiner Auserwählten sein sollte – trotz der am Vorabend

getroffenen Verabredung nicht sofort zu sehen bekam und mich schon am Ende meiner Reise sah. Denn wir vereinbarten uns zum Frühstück zu treffen, ließen aber leichtsinnig die Tatsache außer acht, daß die Fügung der Wochentage, welche uns diese Menschenmenge in der nun hoffnungslos überfüllten Hütte bescherte, uns auch in der Frühstückszeit mit einem nach unserem Ansprüchen überfüllten Speisesaal konfrontieren wird. Denn in der Tat beschlossen wir angesichts der nicht all zu langen Tour etwas länger zu schlafen, was sich eben derart rächte, daß man schnell mit allen Murmeltieren der Gegend, welche nun putz und munter ihren morgendlichen Pflichten nachrannten, Bekanntschaft machten konnte, wenn einem nur danach trachtete. So mußte es aber sein, denn inzwischen wußte ich ja, daß auch Wera dem gemütlichen Wesenszug eines Murmeltiers nicht gänzlich abgeneigt war, um nicht zu sagen, daß sie gern länger im Bette zu verweilen genoß. Aber als ich ihr schließlich doch ansichtig wurde, so reichte nur ein kurzer Blick, um zu verstehen, daß die schwierige Probe dieser Nacht uns beiden galt und von uns beiden im gleichen Maße bestanden worden ist, wobei ich den Part, der darin ihr zugedacht war erst später, aus ihren Erzählungen, vernahm. Sie strahle mit der ihrem Gesicht eigenen Schüchternheit und niemand käme nur auf die leiseste Idee, darin einen Anflug von Verschlafenheit zu vermuten; zu wach war der Ausdruck ihrer hellen Augen. Jetzt wußte ich, meine Auserwählte gefunden zu haben, wobei das Wort "wissen" hier natürlich völlig fehl am Platze sei, denn von nun an sollte die Macht des Verstandes der des Herzens gleichgestellt sein. Ich ahnte es, oder ich spürte es, daß sie es sei, aber wissen konnte ich es bei Leibe nicht. Ich gebe zu, nicht einmal den Wunsch eines solchen Zusammenkommens ließ ich in mir wach werden, denn wo die Schönheit eines Gedankens die Vorstellung des Verstandes um Vielfaches übersteige, so bewegt sich das Gemüt in anderen Dimensionen, welche eher in des Reich der Träume gehören.

Unterdessen lernte ich auch den Umgang mit den beiden Alpinisten zu schätzen, welche sich letztendlich doch als anständige und lebenslustige Menschen zeigten, deren Rolle allerdings hier ausgespielt sein sollte. Sie begleiteten uns noch zum Schwarzen See, wo wir noch eine Weile gemeinsam verweilten, aber von da aus mußten sie umkehren und ihre Heimreise antreten. Wahrlich, der weitere Weg war nicht für sie bestimmt, wie leid es mir auch tut. So teilten sie das Schicksal der meisten Menschen, welche den Weg in die Höhen der Tatra wagten, um das letzte Aufflammen eines nun endgültig vergangenen Sommers in voller, nur dem Gebirge eigenen Pracht, zu erhaschen. Wera und ich gingen aber unbeirrt weiter, ganz von der Aura dieses Augenblicks und der uns umgebenden Landschaft ergriffen, denn spätestens jetzt wurde uns beiden klar, daß dieser hier nicht von dieser Welt sein konnte. Er war schlicht überwältigend; einmalig in seiner Schönheit und Vergänglichkeit. Der starke Wind fiel vom Grat des Adler auf des Tal hernieder, riß die einzelnen Tröpfchens des Wassers an der Seeoberfläche aus diesem heraus, trug diese im Scharren über denselben und trieb sie an der Wand des Zawrat mit voller Wucht senkrecht in die Höhe. Dort zerstäubte er sie an den dunklen Felsen der Wand. Wir blieben kurz stehen und mit angehaltenem Atem schauten wir inmitten des Geschehens diesem noch nie gesehenem Schauspiel der Naturgewalten zu.

Der Eingang am unteren Tel der Passage geschieht durch die Regenbogenpforte. Hier gilt es das Wechselspiel der Farben, welches sich an der Oberfläche des Schwarzen Sees abzuspielen hat, genau im Auge zu behalten. Es ist dem Wind des Halny vorbehalten, die einzelnen Farben, welche die des Regenbogens seien, nacheinander zu aktivieren, wobei darauf zu achten ist, daß diese sich gleichmäßig auf der gesamten Breite des Wassers abzeichnen und zwar in waagrechter, sprich auf der Wasser liegenden, Ausrichtung. Die letzte der Farben wird die silberne sein, welche nicht die Farbe des Regenbogens sein wird, sondern die Farbe der Freien Passage. In diesem Augenblick, dem vorbehalten ist nur eine Weile zu dauern, darf man die Regenbogenpforte passieren.

Und plötzlich, als die letzte Wolke aus Tröpfchen den See streifte wurde es ruhig, so als hätte jemand mit unsichtbarer Hand das Fenster eines offenen Hauses geschlossen und gleichzeitig, die Tür einer gastlichen, warmen Stube geöffnet. Wir gingen weiter, in den weiten Korridor hinein, welcher sich den Weg zwischen den auf ihn niederfallenden Schluchten des einsamen Wendepfades und des noch mehr verlassenem Klettersteigs der Ziege bahnte. Der Weg wurde dabei immer steiler und unsere Rucksäcke drückten jeden Schritt in den steinigen Untergrund ein. Wir mußten einige dicke Felsen passieren, welche sich unterhalb des dunklen Massiv des Zawrat vor Ewigkeiten schon zu seinem Fuße legten. Der gleichmäßige Atem diktierte das Tempo, die ersten Anzeichen einer Erschöpfung machten sich bemerkbar, doch es ergab sich nicht einmal die Gelegenheit über diese nachzudenken. Man nahm sie irgendwo wahr, aber das Geschehen um uns herum beschäftigte uns weit mehr. Hin und wieder blieben wir stehen.

Die nächste Stufe der Passage bildet das Land der fließenden Wiesen. Hier im Schutze der Wand des Wendepfades geht es darum, die Stärke und die Richtung der Winde des Halny zu bestimmen, um daraus den richtigen Augenblick zum Eintritt ins Tal abzuleiten. Dies geschieht dergestalt, daß man die Form und die Geschwindigkeit der fließenden Wiesen unterhalb der Betrübten Felsen für die Dauer eines kurzen Gesprächs im Auge behält. Erst wenn der Wind die Gräser der Wiesen sieben Mal gekämmt hat, und dies genau der Dauer eines kurzen Gesprächs entspricht, ist der Zeitpunkt gekommen, zur nächsten Stufe emporzusteigen.

Für eine Kurze Weile vertieften wir uns in ein Gespräch, welches die Größe dieses Augenblicks angesichts der Nichtigkeit der Welt außerhalb von Hier und Jetzt zum Thema hatte; wohl das letzte dieser Art, denn später gab es ja keine Welt mehr, außer dieser Hier und Jetzt. Und eigentlich war uns, als könnten wir für immer in dieser Weile verharren, den unsere Körper waren von der Wanderung im gleichen Maße erhitzt, wie unsere Herzen von dem Zauber des Erlebten. Die Steigung wartete.

Der Wanderweg endete an einem Klettersteig, der nur aus einer Wand herausragenden Felsen zu bestehen schien. Hier galt es alle Kräfte zu sammeln und einen wahren Kampf mit den ins Fels gehauenen Ketten auszufechten. Das Gefühl vom Fels war wieder da, das Gefühl nach ober getragen zu werden; Tritt für Tritt von der Festigkeit des Untergrunds in die Höhen zu gelangen, wo uns endlich der Paß erwartete. Ja, genau dieser am Tor der Winde.

Der Weg der hängenden Gärten, ist ein schwieriger. Hier wird man sich von einem Garten in den nächsten tragen lassen müssen und einzuschätzen wissen, für wie lange man in einem der Gärten verweilen muß, um neue Kraft zu schöpfen und weitere Kräfte zum Passieren des Tores bereitzuhalten. Es empfiehlt sich, die Gärten nacheinander zu besuchen, da viele von

ihnen ohnehin die Form einer schmalen Felsenbank haben, und nur eine Person sich unter ihre Obhut begeben darf. Oberhalb des letzten Gartens befindet sich das Tor der Winde. Man betrete es mit größter Vorsicht, da es seine Eigenart ist, sich unvermittelt zu offenbaren.

Da war es endlich. Ein unglaublicher Wind tobte über dem Paß. Hinter uns lag der lange, schmale Weg des Anstiegs, welcher nun einem ins ferne Tal abfließenden Rinnsal glich, und nur wer die Anstrengung der Wanderung auf eigenem Leibe spürte, wußte, daß die Augen gern Tatsachen vortäuschen, welche dem Gelände nicht im Geringsten gerecht wurden. Um so größer ist dann allerdings der eigene Stolz, denn die persönliche Erfahrung bestätigt einem in der Macht des Erlebten über die Täuschung des Gesehenen, so als erränge man einem Sieg über den Geist und zugleich über die Materie.

An den Felsen, kurz unterhalb des Durchgangs kauerten indessen einige Leute, welche das Tor nicht passieren konnten, da sie der Belastung des Windes schlicht nicht standhielten. Mit etwas Anstrengung wäre es vielleicht unter gewöhnlichen Umständen dem einem oder anderem gelungen den Weg ins Tal der Fünf Seen zu betreten, doch dafür war der Augenblick einfach nicht bestimmt. Sie mußten warten, denn genau in diesem Moment als wir ankamen, wurde der Paß zum Tor der Winde, welches nur für uns bestimmt war. Seine Pforten waren weit aufgerissen, sein Portal zum Himmel hin geöffnet. Manchmal, ist es einfach so, daß die eine Welt nicht neben der anderen existieren kann, dann muß die eine der anderen weichen. Diesmal war es das Reale, welchem der Rückzug geschrieben stand. Einem Vorhang gleich, wurde es auseinander geschoben, flatterte wild im Wind herum und öffnete dabei einem breiten Spalt in eine fremde Dimension. Doch fremd mochte sie nur dem erscheinen, der sich dem Zauber des Geschehenen zu entziehen suchte, sich den Weisungen der Wege verschloß und das Offensichtliche des Wundersamen verschmähte. Uns hingegen war dieser Anblick gewohnt, als erwarteten wir ihn hier anzutreffen, als erwartete er uns zu empfangen. Denn in den wenigen Augenblicken des völligen Vereinnahmen durch das Gebirge, durch die Eindrücke der Wanderung, wußten unsere Herzen von der Kraina schon, manchmal zeigten uns unsere Augen kurze Einblicke in diese Welt und erzeugten so eine Vorahnung, welche bisher zwar noch unbestimmt, nun aber zur Gewißheit wurde. Kraina wurde zur Bestimmung. Wir ruhten uns kurz aus, tranken einen heißen Tee, schauten uns noch kurz in die Augen und dann gingen wir los.