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Der erste Schritt noch nicht gegangen, doch was mal anfing, setzt sich fort.
Wer glaubt, es sei alles längst vergangen, den holt es ein, dann und dort. Vor langer, langer Zeit, hinter den sieben Bergen, hinter den sieben
Meeren lebte einmal ein Poet. Seine Werke kannte jeder. Jedes Kind mußte sie in der Schule lernen und abends – da es noch kein Fernsehen gab – vor der ganzen Familie vortragen. Den Kindern gefielen seine Werke daher nicht so toll,
denn er schrieb viel und eines vertrackten Reimes war es auch, was er da von sich gab, und die Kids mußten alles auswendig lernen, und dabei würden sie doch lieber - je nach Neigung - Tennis oder "Tomb Raider" spielen.
(Nein, sein Name war weder Goethe noch Mickiewicz; das war noch lange vor deren Zeit.) Er schrieb viel und seine Geschichten erwärmten die Herzen aller, welche sie lasen oder erzählen hörten; die Letzteren nicht zuletzt, weil sie
des geschriebenen Wortes nicht mächtig waren (und das, obwohl es damals noch kein Fernsehen gab). Wundersame waren das Geschichten, sage ich dir. Voll Phantasie und Weisheit, Abenteuer und Klugheit. Mal spielten sie in der Ferne,
mal ganz nah, und jeder konnte in ihnen die Spuren seines eigenen Lebens - den Schmerz der Vergangenheit, die Melancholie der Gegenwart und die Träume von der Zukunft - erkennen.Die Leute damals liebten ihr Land.
Was man denen nicht verdenken kann angesichts einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von 24°C und eines an Nährstoffen reichen Bodens, auf dem selbst die Cabernet Sauvignon Traube bis zur vollen Geschmacksreife gediehe. Sie
blieben gern zu Hause und da einerseits das Reisen voll Gefahren und andererseits das Leben in den eigenen vier Wänden so paradiesisch ruhig (um nicht zu sagen "stinklangweilig") war, reiste auch niemand. Selbst die
Händler reisten wenig, weil das Land so fruchtbar war, daß jeder mit dem auskommen konnte, was er selbst erwirtschaftete oder mit seinem Nachbar tauschen konnte. So bekam man leicht für eine Flasche eines ausgereiften Cabernet ein
großes Stück Camembert d'Normandie, und da jeder in der Kunst der Pasta geübt war, so gehörte es zu einem guten Brauch, eine Gabe von sonnenverwöhnten Tomaten mit einem Dreieck echten italienischen Parmigiano zu vergelten. So
verwundert es des weiteren nicht, daß die einzigen, die ständig unterwegs, die Soldaten des Königs waren: Matrosen zur See und Ritter auf dem Festland, welche weder der Landwirtschaft, noch dem Handwerk - geschweige denn den
schönen Künsten - zugeneigt gewesen wären. Aber da das Land ohnehin so groß war, daß es keine andere Länder mehr gab außer diesem, so blieben fast alle Soldaten ebenfalls zu Hause und langweilten sich, was nicht lange gut gehen
konnte (wie wir es inzwischen seit Chritopherus Columbus wissen). Und dennoch. Hin und wieder verschlug es mal einen leidenschaftlichen Jüngling, mal ein holdes Fräulein auf die See, welche, sei es von ihrer
Leidenschaft getrieben oder vor der geltenden Sittenstränge flüchtend, aus ihrer bürgerlichen oder bäuerlichen Existenz zu entkommen suchten und manche kehrten eben nie zurück. Niemand wußte, was mit ihnen geschah, ihre Eltern,
ihre Frauen und sogar großgewachsene Männer vergossen bittere Tränen der Sehnsucht, aber ihre Nächsten kehrten doch nicht zurück. Ach, wie schwer der Abschied, wenn er von Ungewißheit umgeben! Wie groß der Schmerz, wie tief die
Verzweiflung! Mögen es Gefühle bleiben, welche ein menschliches Herz nicht zu erblicken gezwungen sein wird. Und vielleicht deshalb lasen die Menschen mit besondere Vorliebe eine bestimmte Geschichte, welche von der Existenz eines
fernen Landes erzählte, das so zauberhaft schön sein sollte, daß, hat eine Menschenseele es ein Mal erblickt, so will sie nie fort von dort. Angeblich – so die Geschichte – kann man das Land nur ein Mal im Leben betreten. Man
verweilt dort eine genau vorbestimmte Zeit und verläßt es wieder aus einem näher nicht bekannten Grund. Viele versuchen es dann wiederzufinden und gehen einfach verloren. Aber die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Geschichte
bleibt dennoch unbeantwortet, denn niemand das Land je gesehen und niemand von dort je gekommen. Und wenn du meiner Erzählung tiefer gefolgt haben wirst, so wirst du bald die Tragik meines Schicksals ergründen und es vielleicht
deinerseits abwenden können. Vielleicht wirst du selbst die Suche nach der Wahrheit aufnehmen können, vielleicht wirst du deinen eigenen Pfad folgen, den ich in meiner Verblendung einfach übersah. Was an dieser
Geschichte wahr, was erdacht sei, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich selbst kenne nicht einmal den Namen des Poeten, der diese geschrieben hatte. Ich weiß auch nicht, was mit ihm geschah. Ich hörte jedoch, daß der Monarch, welcher
das Land regierte, diesen hinrichten ließ. Es heißt, er habe von einem großen Land auf der anderen Seite des siebten Meeres gewußt, das weder hinlänglich kartographiert noch geschweige denn erobert worden ist. Ähnlich dem Menschen
von heute, glaubte man die einzigen Wesen im Universum zu sein, und dann so was. Und das Schlimmste - eine wahre Provokation, ja einer Brüskierung der königlichen Würde kam es gleich - war es, daß der Dichter die genaue Lage dieses
unbekannten Kontinents, dieser Insel mit zwei Bergen und einem Tal dazwischen, wie er es nannte, par tout nicht angeben wollte. Oder noch schlimmer: oft lachte er wie des Verstandes beraubt, kicherte und rief "Lummelland!
Lummelland!" Der König tobte! Er schickte immer wieder Admiräle auf die See hinaus, um danach zu suchen, sah diese schon zurückkehren beladen mit Truhen voll Gold und Juwelen, sah die schönsten Sklavinnen in seinem Harem
tanzen, schon stellte er sich vor den Spiegel, setzte sich einen Lorbeerkranz auf sein Toupet und befahl den Senatoren, sie mögen gefälligst mehr Achtung vor ihrem Imperator an den Tag legen. Aber die Admiräle kamen entweder mit
leeren Händen oder überhaupt nicht zurück. Die Köpfe rollten, der Dichter aber schwieg ... und verlor seinen ebenfalls. Ich muß gestehen, ich schenkte damals dieser ganzen Geschichte keine große Aufmerksamkeit. Ich
vergaß sie. Ich erinnerte mich nur, daß dieser Poet nur ein einziges Mal den Namen dieser verzauberten Landschaft, irgendwo in einem Werk, dessen Name mir entfallen, zwischen den Zeilen auf der Seite 1065 oder 1257 (ich weiß es
nicht mehr so genau) nannte: Das weiße Tal. Wahrscheinlich hätte ich auch das vergessen, wenn ich vor etlichen Jahren nicht zufällig über eine Erwähnung einer Insel gestolpert wäre, welche – der äußeren
Beschreibung nach – haargenau dem entsprach, was ich schon in der uralten Sage gelesen habe. Doch der Homer, welcher war der diese Geschichte verfaßte, tat in seiner Handlung alles, um den Weg zu diesem Ort nicht erkennbar zu
machen. Auch er bediente sich der Fiktion einer Irrfahrt auf dem See, aber er vertauschte die meisten Namen der Orte, welche sein verwegener Held Odysseus besuchte, streute einige falsche Wegbeschreibungen darein und tat sichtlich
alles, um jede Spur, welche zum Weißen Tal führen könnte, zu verwischen. Aber auch diese Ähnlichkeit tat ich als zufällig ab. Der Gedanke an einem Geheimbund von Eingeweihten, welche in einer nicht näher
bestimmten Ferne ein Zauberland
zu kennen glaubten, erschien mir – ehrlich gesagt – lächerlich. Und ich muß es eingestehen, noch vor wenigen Tagen lehnte ich diesen Gedanken als einen esoterischen Hirngespinst kategorisch ab. Doch diesen Weg zu beschreiten war gar nicht notwendig: das Foucault'sche Pendel, die ägyptischen Pyramiden, die Atlantis oder die Matrix - lassen wir diese Dinge dort, wo sie hingehören: auf den Seiten der Boulevard-Presse und auf den Leinwänden der Multiplexe.
Doch es waren nicht meine letzten und einzigen Begegnungen mit diesem Thema und selten waren sie von der oben beschriebenen Albernheit. Ich gebe zu, daß es schon etwas Rätselhaft war, als ich ähnliche
Beschreibungen beim Shakespeare, Cervantes, Goethe, Ibsen, Mann, Lem und vielen anderen gefunden habe. Dabei war es doch so offensichtlich: Dänemark sah nie einen Hamlet, kein Peer Gynt sei in den Landschaften der norwegischen
Fjorde bekannt und das Grab des jungen Wärthers stammt nachgewiesener Weise nicht aus der Weimarer Zeit Goethes! Und trotzdem hielt ich meine Augen verschlossen. Schande: ich wollte mir eine Existenz einer anderen Welt, als die
welche mich umgibt, von der ich in der Schule und auf der Universität vieles gelernt zu haben glaubte, nicht eingestehen. Passiere was wolle! Nun, muß ich kleinlaut eingestehen: ich habe mich geirrt.
Aber schön der Reihe nach. |